Mehrfach ausgezeichnet.

Focus Markenrecht
en

Amazon behält Guthaben ein: Wann die Auszahlung verlangt werden kann

Ihr Ansprechpartner

Das Guthaben ist Ihr Geld, nicht Amazons Faustpfand. Wie lange Amazon es zurückhalten darf, wann die Auszahlung verlangt werden kann und warum der Weg dahin ein anderer ist als bei der Freischaltung. Teil 6 unserer Serie zur Amazon-Kontosperrung.

Die Kontosperre trifft den Umsatz von morgen. Der Einbehalt des Guthabens trifft den Umsatz von gestern. Für viele Händler ist der zweite Schlag der härtere: Die Ware ist verkauft, versandt und bezahlt, das Geld liegt bei Amazon, und der Satz „Ihr Guthaben wird vorübergehend einbehalten“ verwandelt sich nach drei Monaten in einen anderen: „Nach Prüfung haben wir festgestellt, dass Ihr Guthaben nicht ausgezahlt wird.“

Zwischen diesen beiden Sätzen liegt der Unterschied zwischen einer Sicherheit und einer Enteignung. Amazon darf das eine. Das andere darf Amazon nicht.

Darf Amazon mein Guthaben nach einer Kontosperrung einbehalten?

Vorübergehend ja, dauerhaft nein. Amazons Nutzungsbedingungen erlauben es, nach einer Deaktivierung Auszahlungen zurückzuhalten, um Rückerstattungen, Rückbuchungen und Garantiefälle abzusichern; in der Praxis sind das 90 Tage. Diese Sicherung ist als Allgemeine Geschäftsbedingung im Grundsatz wirksam, weil sie einem berechtigten Interesse dient und zeitlich begrenzt ist. Ein Einbehalt über diesen Zeitraum hinaus ist nur zulässig, wenn Amazon konkrete, bezifferbare Gegenansprüche hat. Ein Einbehalt als Sanktion für den behaupteten Verstoß, der zur Sperre geführt hat, ist es nicht.

Die Verkaufserlöse sind Geld des Händlers, das Amazon für ihn eingezogen hat. Der Anspruch auf Auszahlung ist ein vertraglicher Zahlungsanspruch, kein Gnadenerweis. Amazon kann ihm nur entgegenhalten, was das Gesetz jedem Schuldner erlaubt: ein Zurückbehaltungsrecht wegen eigener fälliger Gegenansprüche (§ 273 BGB) und die Verrechnung konkreter Forderungen. Eine Klausel, die Amazon gestattete, Guthaben ohne solche Gegenansprüche dauerhaft zu behalten, benachteiligte den Händler unangemessen (§ 307 Abs. 1 und Abs. 2 Nr. 1 BGB) und wäre unwirksam. Behält Amazon das Geld dennoch, ist das Geld ohne Rechtsgrund bei Amazon (§ 812 Abs. 1 BGB).

Was mit dem Guthaben nach der Deaktivierung geschieht

Der Ablauf folgt einem Muster. Mit der Deaktivierung stoppt Amazon die Auszahlungen und teilt mit, das Guthaben werde vorübergehend einbehalten. In den folgenden 90 Tagen verrechnet Amazon weiter: Erstattungen an Kunden, A-bis-z-Garantiefälle, Gebühren, Lagerkosten für Bestände im Versand durch Amazon. Der Saldo, den der Händler am Ende sieht, ist deshalb selten der Saldo vom Tag der Sperre. Nach Ablauf der 90 Tage beginnt die „Auszahlungsprüfung“. Amazon fordert Unterlagen an, häufig dieselben, die schon für den Einspruch verlangt wurden, und entscheidet dann in eine von drei Richtungen: Freigabe, weitere Verzögerung oder dauerhafter Einbehalt.

Die dritte Variante kommt fast immer mit einem Betrugsvorwurf. Amazon teilt mit, es habe „betrügerische, irreführende oder rechtswidrige Aktivitäten“ festgestellt, und nennt dafür so wenig Tatsachen wie für die Sperre selbst. Was Amazon hier schuldet, ist nichts anderes als bei der Deaktivierung: die konkreten Umstände, auf die es sich stützt, wie in Teil 2 dieser Serie beschrieben. Nur geht es diesmal nicht um eine Plattformentscheidung, sondern um Geld, und das ändert den Rechtsweg.

Wann kann ich die Auszahlung verlangen?

Mit Ablauf der 90 Tage, sofern Amazon keine konkreten, bezifferten Gegenansprüche geltend macht. Ab diesem Zeitpunkt ist der Auszahlungsanspruch fällig, und Amazon ist mit einer schriftlichen Aufforderung unter Fristsetzung in Verzug zu setzen (§ 286 BGB). Bei Unternehmern fallen ab Verzug Zinsen in Höhe von neun Prozentpunkten über dem Basiszinssatz an (§ 288 Abs. 2 BGB). Wer sich unsicher ist, wie hoch das Guthaben überhaupt ist, verlangt zunächst Rechenschaft: eine vollständige Abrechnung aller Zahlungen, Verrechnungen und Gebühren seit der Sperre (§ 259 BGB).

Die Aufforderung sollte drei Elemente enthalten. Die Bezifferung des Guthabens nach dem letzten verfügbaren Transaktionsbericht. Die Aufforderung, entweder auszuzahlen oder die Gegenansprüche im Einzelnen zu benennen, mit Kunde, Bestellnummer und Betrag. Und eine Frist von zwei Wochen, nach deren Ablauf Klage angekündigt wird. Diese Aufforderung ist mehr als eine Formalie, sie ist der Wendepunkt: Sie zwingt Amazon, den pauschalen Einbehalt in konkrete Positionen zu übersetzen, und bei den meisten Positionen zeigt sich, dass die 90 Tage längst gereicht hätten.

Transaktionsberichte sichern, solange es geht

Der Zugriff auf Seller Central bleibt nach einer Deaktivierung meist bestehen, aber nicht garantiert. Laden Sie am Tag der Sperre alle Transaktions-, Auszahlungs- und Bestandsberichte herunter, ebenso die Abrechnungsübersichten der letzten zwölf Monate. Diese Daten sind die Grundlage jeder Bezifferung, und sie sind später weder von Amazon zu bekommen noch zu rekonstruieren. Ohne sie wird aus einem klaren Zahlungsanspruch ein Streit über die Höhe.

Was, wenn Amazon Betrug behauptet und das Guthaben dauerhaft einbehält?

Dann muss Amazon den Betrug darlegen und beweisen, nicht der Händler seine Unschuld. Der Vorwurf betrügerischer Aktivität ist eine Tatsachenbehauptung, für die Amazon als diejenige Partei die Beweislast trägt, die sich darauf beruft, um eine geschuldete Zahlung zu verweigern. Selbst wenn ein Verstoß vorläge, rechtfertigte er den Einbehalt nur in Höhe des Schadens, der Amazon daraus konkret entstanden ist. Ein Verfall des gesamten Guthabens ohne Bezug zu einem Schaden hat den Charakter einer Vertragsstrafe, die Amazons Bedingungen so nicht vorsehen und die als pauschale Sanktion in Allgemeinen Geschäftsbedingungen auch gegenüber Unternehmern der Inhaltskontrolle nicht standhält.

In der Praxis knickt der Betrugsvorwurf oft schon ein, wenn er konkret werden muss. In dem Verfahren vor dem Landgericht Hildesheim, über das wir berichtet haben, gab Amazon ein Guthaben von fast 30.000 Euro kurz vor der mündlichen Verhandlung frei, nachdem die Sperre über Monate mit pauschalen Vorwürfen verteidigt worden war; die Einzelheiten stehen in unserem Beitrag Amazon gibt Guthaben frei. Der Vorgang ist typisch: Was gegenüber dem Händler als endgültig auftritt, wird gegenüber dem Gericht verhandelbar.

Wo und wie klage ich auf Auszahlung?

Der Auszahlungsanspruch ist eine Geldforderung und wird im Hauptsacheverfahren durch Zahlungsklage durchgesetzt. Ein Eilverfahren scheidet in der Regel aus, weil eine einstweilige Verfügung auf Zahlung nur in Ausnahmefällen existenzieller Not ergeht und die Gerichte diese Ausnahme eng handhaben. Der Streitwert ist der eingeforderte Betrag, was die Kosten kalkulierbar macht; Teil 9 dieser Serie geht darauf ein. Vor der Klage steht die Aufforderung mit Frist, weil sie in vielen Fällen bereits zur Auszahlung führt und weil sie den Verzug begründet.

Die Frage nach dem Gerichtsort ist bei Amazon nie trivial. Vertragspartnerin der Händler ist die Amazon Services Europe S.à r.l. in Luxemburg, und Amazons Bedingungen sahen lange einen ausschließlichen Gerichtsstand dort vor. Nach dem Verfahren des Bundeskartellamts änderte Amazon die Klausel im August 2019 in einen nicht ausschließlichen Gerichtsstand; die Hintergründe haben wir im Beitrag zur mündlichen Verhandlung vor dem LG Hildesheim nachgezeichnet. Für kartellrechtlich begründete Ansprüche hat das Landgericht München I die Zuständigkeit deutscher Gerichte über den Deliktsgerichtsstand bejaht (LG München I, Urteil vom 03.09.2021, Az. 37 O 9343/21), dazu unser Beitrag zur örtlichen Zuständigkeit. Ob eine reine Zahlungsklage vor einem deutschen Gericht erhoben werden kann, hängt von der aktuellen Fassung der Gerichtsstands- und Rechtswahlklausel und vom Erfüllungsort der Plattformleistung ab. Diese Prüfung gehört an den Anfang, nicht ans Ende, weil eine Klage am falschen Ort Monate kostet, die Amazon gern in Kauf nimmt.

Der Einbehalt selbst kann dabei zum kartellrechtlichen Argument werden. Wer als Plattform mit überragender marktübergreifender Bedeutung Guthaben von Händlern ohne konkrete Gegenansprüche über Monate zurückhält, nutzt eine Marktstellung aus, die das Landgericht Frankfurt am Main in einem von uns geführten Eilverfahren bereits als missbräuchlich eingeordnet hat. Das eröffnet nicht nur den Gerichtsstand, sondern auch Schadensersatz nach § 33a GWB. Den rechtlichen Rahmen fasst die Themenseite Amazon-Verkäuferkonto gesperrt zusammen.

FBA-Bestand: das zweite eingefrorene Vermögen

Wer über den Versand durch Amazon verkauft, hat neben dem Guthaben Ware in Amazons Lagern, für die weiterhin Lagergebühren anfallen, auch bei deaktiviertem Konto. Nach einigen Monaten kommen Langzeitlagergebühren hinzu, und irgendwann droht die Entsorgung. Ein Entfernungsauftrag ist in der Regel auch bei gesperrtem Konto möglich und sollte früh gestellt werden, sobald absehbar ist, dass die Freischaltung nicht binnen Wochen gelingt. Die Ware bleibt Eigentum des Händlers; ihre Herausgabe kann verlangt werden (§ 985 BGB), und Lagergebühren, die Amazon nach einer unberechtigten Sperre berechnet, gehören auf die Schadensliste, nicht auf die Verrechnungsliste.

Aus der LHR-Praxis

Der teuerste Fehler in Guthabenfällen ist nicht juristisch. Es ist der fehlende Download. Händler, die am Tag der Sperre ihre Transaktionsberichte gesichert haben, können ihren Anspruch auf den Cent beziffern und Amazon zwingen, jede Verrechnung zu erklären. Händler, die es nicht getan haben, streiten mit Amazon monatelang darüber, wie viel Amazon ihnen überhaupt schuldet. Amazon gewinnt diesen Streit nicht, weil es recht hat, sondern weil es die Daten hat.

Die LHR-Serie zur Amazon-Kontosperrung

Zehn Beiträge an zehn Tagen, jeder beantwortet eine Frage, die Händlern nach der Deaktivierung gestellt wird oder die sie sich selbst stellen:

  1. Die sieben häufigsten Gründe für eine Deaktivierung
  2. Darf Amazon ohne Begründung sperren?
  3. „Verknüpftes Konto“: Wenn Amazon eine Verbindung behauptet, die es nicht gibt
  4. Amazon-Maßnahmenplan: Sieben Fehler, die eine Freischaltung verhindern
  5. Welche Fristen gelten bei einer Amazon-Kontosperrung?
  6. Amazon behält Guthaben ein: Wann die Auszahlung verlangt werden kann (dieser Beitrag)
  7. Beschwerde, Mediation, Streitbeilegung: Die außergerichtlichen Wege [folgt am 12.09.]
  8. Einstweilige Verfügung gegen Amazon: Voraussetzungen, Ablauf, Risiken [folgt am 13.09.]
  9. Was eine Amazon-Kontosperrung kostet, und was die Gegenwehr [folgt am 14.09.]
  10. Anwalt bei Amazon-Kontosperrung: Sechs Signale [folgt am 15.09.]

Amazon hält Ihr Guthaben seit mehr als 90 Tagen zurück oder verweigert die Auszahlung ganz?

Wir beziffern den Anspruch anhand Ihrer Transaktionsberichte, fordern Amazon unter Fristsetzung zur Auszahlung oder zur Benennung konkreter Gegenansprüche auf und klären vorab, vor welchem Gericht eine Klage Aussicht hat. Eine erste Einschätzung erhalten Sie in der Regel binnen 24 Stunden. Mehr auf unserer Seite Amazon-Konto entsperren lassen.

Jetzt Kontakt aufnehmen

Häufige Fragen zum einbehaltenen Amazon-Guthaben

Wie lange darf Amazon mein Guthaben einbehalten?+
Zur Absicherung von Rückerstattungen, Rückbuchungen und Garantiefällen nach den Nutzungsbedingungen regelmäßig 90 Tage. Danach darf Amazon nur noch so viel zurückhalten, wie konkreten, bezifferbaren Gegenansprüchen entspricht, etwa offenen Erstattungen oder Gebühren. Ein pauschaler Einbehalt des gesamten Guthabens über die 90 Tage hinaus ist unzulässig, auch wenn Amazon ihn mit dem Sperrgrund begründet.
Kann ich eine einstweilige Verfügung auf Auszahlung beantragen?+
Nur ausnahmsweise. Geldforderungen werden im Hauptsacheverfahren durchgesetzt; eine einstweilige Verfügung auf Zahlung ergeht nur, wenn der Antragsteller ohne das Geld in existenzielle Not geriete, und die Gerichte prüfen das streng. Das Eilverfahren ist das Instrument gegen die Sperre selbst, nicht gegen den Einbehalt. Wer beides braucht, führt beides parallel: den Eilantrag auf Freischaltung und die Aufforderung mit Klageandrohung auf Auszahlung.
Amazon verrechnet weiter Gebühren mit meinem Guthaben. Ist das erlaubt?+
Soweit es um berechtigte Gegenansprüche geht, ja: Erstattungen an Kunden, berechtigte Garantiefälle und vertraglich vereinbarte Gebühren darf Amazon verrechnen. Nicht verrechnen darf Amazon Positionen, die erst durch eine unberechtigte Sperre entstanden sind, etwa Lagergebühren für Bestände, die der Händler nicht mehr verkaufen konnte. Verlangen Sie eine vollständige Abrechnung aller Verrechnungen seit der Sperre; jede Position, die Amazon nicht erklären kann, gehört zurück auf Ihre Seite.
Was passiert mit meinem Bestand im Versand durch Amazon?+
Er bleibt Ihr Eigentum, verursacht aber weiter Lagergebühren und nach einigen Monaten Langzeitlagergebühren. Ein Entfernungsauftrag ist in der Regel auch bei deaktiviertem Konto möglich und sollte gestellt werden, sobald absehbar ist, dass die Freischaltung nicht binnen Wochen gelingt. Behält Amazon die Ware mit Verweis auf einen Betrugsvorwurf zurück, besteht ein Herausgabeanspruch aus Eigentum. Lagergebühren nach einer unberechtigten Sperre sind Schaden, nicht Gebühr.
Muss ich in Luxemburg klagen?+
Nicht zwingend. Amazons Gerichtsstandsklausel ist seit 2019 nicht mehr ausschließlich, und für kartellrechtlich begründete Ansprüche haben deutsche Gerichte ihre Zuständigkeit über den Deliktsgerichtsstand bejaht. Für eine reine Zahlungsklage hängt die Antwort von der aktuellen Klauselfassung und vom Erfüllungsort der Plattformleistung ab. Die Frage ist vor der Klage zu klären, weil eine Abweisung wegen Unzuständigkeit Monate kostet, die Amazon gern in Kauf nimmt.

Weiterführende Informationen


Praxishandbuch Anspruchsdurchsetzung im Wettbewerbsrecht

2., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage

Chronologisch aufgebaut, differenzierte Gliederung, zahlreiche Querverweise und, ganz neu: Umfangreiche Praxishinweise zu jeder Prozesssituation.

Mehr erfahren

Praxishandbuch Anspruchsdurchsetzung im Wettbewerbsrecht