„Verknüpftes Konto“: Wenn Amazon eine Verbindung behauptet, die es nicht gibt
Ein gemeinsamer Steuerberater, ein altes Notebook, ein Mitarbeiter, der gegangen ist: Amazons Algorithmus erkennt Verbindungen, wo keine sind. Wie Sie eine behauptete Kontoverknüpfung widerlegen.
Teil 3 unserer Serie zur Amazon-Kontosperrung.
„Ihr Konto wurde deaktiviert, weil es mit einem anderen Konto in Verbindung steht, das gegen unsere Richtlinien verstoßen hat.“ Für viele Händler ist das der verwirrendste Satz, den Amazon schreiben kann. Sie haben ein Konto. Sie kennen kein zweites. Und doch sollen sie für dessen Verstöße einstehen.
Der Vorwurf hat eine Eigenart, die ihn von allen anderen Sperrgründen unterscheidet: Er ist eine reine Tatsachenbehauptung. Amazon behauptet, zwei Konten gehörten zusammen. Entweder stimmt das, oder es stimmt nicht. Prävention lässt sich dazu nicht versprechen.
Wer trotzdem einen Maßnahmenplan schreibt, beantwortet eine Frage, die niemand gestellt hat, und räumt nebenbei ein, dass es etwas zu verbessern gäbe.
Übersicht
- Was bedeutet es, wenn Amazon mein Konto als „verknüpftes Konto“ gesperrt hat?
- Woran erkennt Amazon eine Verbindung zwischen Konten?
- Warum der Maßnahmenplan hier der falsche Weg ist
- Wie widerlege ich eine behauptete Kontoverknüpfung?
- Was, wenn das verknüpfte Konto einem Dritten gehört?
- Häufige Fragen zum verknüpften Amazon-Konto
- Weiterführende Informationen
Was bedeutet es, wenn Amazon mein Konto als „verknüpftes Konto“ gesperrt hat?
Amazon geht davon aus, dass Sie entweder ein zweites Verkäuferkonto betreiben oder mit dem Konto eines Dritten verbunden sind, das bereits gesperrt wurde. Grundlage ist Abschnitt 3 des Amazon Services Europe Business Solutions Agreement, der ohne legitimen Geschäftsgrund nur ein Verkäuferkonto zulässt. Die Sperre trifft dann beide Konten, und Amazon knüpft die Freischaltung des einen regelmäßig an die Wiederherstellung des anderen. Das andere Konto benennt Amazon dabei häufig nicht oder nur mit einem Shopnamen, den der Händler noch nie gehört hat.
Die Verknüpfung wird von einem Algorithmus festgestellt, nicht von einem Menschen. Das erklärt zwei Dinge: die Geschwindigkeit, mit der die Sperre kommt, und die Beharrlichkeit, mit der Amazon sie verteidigt. Der Algorithmus kennt keine Zweifel. Er kennt Übereinstimmungen. Welche Datenpunkte er verglichen hat, teilt Amazon von sich aus nicht mit, und genau hier beginnt die Arbeit. Welche Angaben Amazon nach der P2B-Verordnung und dem Digital Services Act schuldet, haben wir in Teil 2 dieser Serie dargestellt. Für den Vorwurf der Kontoverknüpfung heißt das: Amazon muss die Umstände nennen, aus denen es die Verbindung ableitet.
Woran erkennt Amazon eine Verbindung zwischen Konten?
Amazon vergleicht Identitäts-, Zahlungs-, Kontakt- und Gerätedaten über alle Verkäuferkonten hinweg. Übereinstimmungen bei Bankverbindung, Steuernummer, Anschrift, Telefonnummer, E-Mail-Domain, Gerätekennung, Browser oder IP-Adresse lösen eine Verknüpfung aus, ebenso identische Produktdaten, Bilder oder Rechnungsvorlagen. In der Praxis sind es selten die offensichtlichen Merkmale. Es sind die geteilten.
Die typischen Auslöser, die Händlern in der Regel gar nicht als Verbindung bewusst sind:
- Dienstleister mit Zugriff auf mehrere Konten: Agenturen, Fulfillment-Anbieter, Buchhaltungsbüros und Steuerberater loggen sich mit denselben Geräten und aus demselben Netz in verschiedene Verkäuferkonten ein. Amazon sieht ein Gerät, das zu zwei Konten gehört.
- Geteilte Adressen: die Anschrift des Steuerberaters als Rechnungsadresse, ein gemeinsames Lager, ein Coworking-Space, ein Büro, das ein anderer Händler vorher gemietet hatte.
- Ehemalige Mitarbeiter und Gründer: Wer das Konto eingerichtet hat, hinterlässt Spuren in Kontaktdaten, Sicherheitsfragen oder als Nutzer mit Berechtigungen, auch Jahre nach dem Ausscheiden. Eröffnet diese Person später ein eigenes Konto, schließt sich der Kreis.
- Gebrauchte Hardware und geteiltes WLAN: ein Notebook aus zweiter Hand, ein Mobilfunk-Hotspot, das Gästenetz eines Hotels, in dem sich ein anderer Händler eingeloggt hat.
- Unternehmenskauf und Umfirmierung: Wer ein Unternehmen übernimmt, übernimmt oft ein altes Amazon-Konto, das nie geschlossen wurde. Zwei Konten für einen Inhaber sind dann tatsächlich vorhanden, nur nicht in böser Absicht.
- Übernommene Produktdaten: Herstellerbilder, Artikelbeschreibungen und EAN-Listen, die mehrere Händler vom selben Lieferanten beziehen, gleichen sich bis ins Detail.
Amazon lässt mehrere Konten zu, wenn ein legitimer Geschäftsgrund besteht, etwa getrennte Marken oder Geschäftsbereiche, und verlangt dafür nach aktuellem Stand keine vorherige Genehmigung mehr. Maßgeblich ist der jeweils gültige Wortlaut der Richtlinie, den Sie vor jeder Antwort an Amazon nachlesen sollten. Die Erlaubnis hilft aber nur, wenn die Konten sauber getrennt geführt werden: eigene Bankverbindung, eigene E-Mail-Adresse, eigene Zugangsgeräte, keine Überschneidung im Sortiment.
Warum der Maßnahmenplan hier der falsche Weg ist
Der Maßnahmenplan ist für Leistungsprobleme gebaut: Ursache, Sofortmaßnahme, Prävention. Auf eine Tatsachenbehauptung passt dieses Schema nicht. Wer schreibt, künftig sicherzustellen, dass keine Verbindungen mehr entstehen, bestätigt Amazon, dass es sie gab. Die richtige Antwort auf den Vorwurf der Kontoverknüpfung ist deshalb kein Plan, sondern eine Stellungnahme mit Belegen, und sie richtet sich nach einer von drei Konstellationen.
Konstellation 1: Es gibt keine Verbindung
Sie kennen das andere Konto nicht und haben keinerlei Beziehung zu seinem Inhaber. Dann ist die Aufgabe, Amazons Übereinstimmung zu finden und zu erklären. Das gelingt nur, wenn Amazon die Umstände nennt oder wenn Sie die wahrscheinlichen Berührungspunkte selbst identifizieren: Wer hatte in den letzten Jahren Zugriff auf das Konto, mit welchen Geräten, aus welchen Netzen, unter welchen Adressen? Diese Liste ist mühsam, aber sie ist die einzige, die weiterführt.
Konstellation 2: Es gibt eine Verbindung, aber sie ist legitim
Die Agentur betreut auch andere Händler. Der Steuerberater hat drei Amazon-Mandate. Der Ex-Mitarbeiter verkauft inzwischen selbst. Hier bestreiten Sie nicht die Übereinstimmung, sondern deren Bedeutung: Zwei Konten, die einen Dienstleister teilen, gehören nicht demselben Inhaber. Der Nachweis läuft über Verträge, Vollmachten und Bestätigungen der Beteiligten, aus denen sich ergibt, dass die Konten wirtschaftlich und rechtlich getrennt sind.
Konstellation 3: Es gibt tatsächlich ein zweites eigenes Konto
Ein altes Konto aus der Gründungszeit, ein Konto der übernommenen Gesellschaft, ein früherer Versuch auf einem anderen Marktplatz. Dann ist Ehrlichkeit der schnellste Weg: das zweite Konto benennen, den Geschäftsgrund oder das Versehen erklären, die Schließung oder die saubere Trennung belegen. Hat das zweite Konto eigene Probleme, etwa offene Kennzahlen oder Forderungen, müssen diese vorrangig gelöst werden, weil Amazon die Freischaltung beider Konten voneinander abhängig macht.
Wie widerlege ich eine behauptete Kontoverknüpfung?
Mit Dokumenten, die die rechtliche und wirtschaftliche Trennung belegen, und mit einer Stellungnahme, die den Sachverhalt so präzise schildert, dass ein Mensch bei Amazon ihn ohne Rückfrage nachvollziehen kann. Geeignet sind aktuelle Handelsregisterauszüge und Gesellschafterlisten, Bestätigungen der Bank über die alleinige Kontoinhaberschaft, Bescheinigungen des Finanzamts oder Steuerberaters, Dienstleistungs- und Agenturverträge mit Angaben zu Zugriffsrechten, Arbeitsverträge und Kündigungen ehemaliger Mitarbeiter sowie Protokolle über die Entfernung alter Nutzerberechtigungen im Konto.
Die Stellungnahme sollte drei Teile haben. Zuerst die Aufforderung an Amazon, die Umstände der Verknüpfung zu nennen, gestützt auf Art. 4 Abs. 5 der Verordnung (EU) 2019/1150; Amazon beruft sich hier gern auf den Datenschutz des anderen Kontoinhabers, was die Nennung des Merkmals (Adresse, Gerät, Bankverbindung) nicht hindert, sondern nur die Nennung der Person. Dann die Schilderung Ihrer Kontostruktur mit allen Beteiligten, die je Zugriff hatten. Am Ende die Belege, nummeriert und im Text in Bezug genommen. Eine Erklärung des Geschäftsführers, die für ein späteres Gerichtsverfahren als eidesstattliche Versicherung tauglich ist, gehört von Anfang an dazu, auch wenn Amazon sie zunächst nicht würdigt.
Dass Amazon selbst eindeutige Urkunden nicht ohne Weiteres akzeptiert, ist keine Ausnahme. In einem unserer veröffentlichten Praxisfälle zur Entsperrung ignorierte Amazon zunächst eine notarielle Urkunde, die die Trennung der Gesellschaften belegte, und lenkte erst ein, als der nächste Schritt vorbereitet war. Bei einem Kindle-Direct-Publishing-Konto lautete der Vorwurf ebenfalls Mehrfachkonten; auch dort führte erst anwaltlicher Druck zur Freischaltung. Die Belege sind also nicht dafür da, Amazon beim ersten Mal zu überzeugen. Sie sind dafür da, dass beim zweiten Mal jemand anderes zuhört.
Was, wenn das verknüpfte Konto einem Dritten gehört?
Dann haftet der Händler nach Amazons Lesart für Verstöße, die er weder begangen noch beeinflusst hat. Rechtlich ist das die schwächste Position, die Amazon einnehmen kann. Die Sperre eines Kontos wegen des Verhaltens eines fremden Kontoinhabers ohne eigene Pflichtverletzung ist an § 307 BGB zu messen, denn Abschnitt 3 des Business Solutions Agreement ist eine Allgemeine Geschäftsbedingung, und eine Klausel, die Sanktionen für fremdes Verhalten erlaubt, benachteiligt den Vertragspartner unangemessen. Kartellrechtlich ist die Sperre ohne eigenen Verstoß ein Fall der unbilligen Behinderung nach § 19 GWB, weil Amazon seine Marktstellung nutzt, um ein Risiko abzuwälzen, das aus der eigenen Algorithmus-Entscheidung stammt.
Der zweite Hebel ist die Verhältnismäßigkeit. Selbst wenn eine Verbindung besteht, muss Amazon das mildeste geeignete Mittel wählen. Die Aufforderung, den Kontakt zu beenden, die Entfernung einer Nutzerberechtigung oder die Sperre einzelner Funktionen sind mildere Mittel als die Vollsperre beider Konten. Dass Gerichte Amazon zur Wiederherstellung von Konten verpflichten, wenn die Sperre ohne belastbare Grundlage erfolgt, zeigt die einstweilige Verfügung des Landgerichts Düsseldorf aus diesem Jahr. Wie ein solches Eilverfahren abläuft, behandelt Teil 8 dieser Serie. Den rechtlichen Gesamtrahmen finden Sie auf der Themenseite Amazon-Verkäuferkonto gesperrt.
Aus der LHR-Praxis
Die häufigste Verbindung, die wir finden, ist eine, die der Händler nicht kannte: ein Dienstleister, der mit demselben Notebook aus demselben Büro drei Verkäuferkonten betreut. Der Händler hat nichts falsch gemacht. Der Dienstleister auch nicht. Amazons Algorithmus sieht trotzdem ein Gerät mit drei Konten. Wer seinen Dienstleistern eigene Nutzerzugänge mit eigenen Geräten vorschreibt, löst das Problem, bevor es entsteht.
Die LHR-Serie zur Amazon-Kontosperrung
Zehn Beiträge an zehn Tagen, jeder beantwortet eine Frage, die Händlern nach der Deaktivierung gestellt wird oder die sie sich selbst stellen:
- Die sieben häufigsten Gründe für eine Deaktivierung
- Darf Amazon ohne Begründung sperren?
- „Verknüpftes Konto“: Wenn Amazon eine Verbindung behauptet, die es nicht gibt (dieser Beitrag)
- Amazon-Maßnahmenplan: Sieben Fehler, die eine Freischaltung verhindern [folgt am 09.09.]
- Welche Fristen gelten bei einer Amazon-Kontosperrung? [folgt am 10.09.]
- Amazon behält Guthaben ein: Wann die Auszahlung verlangt werden kann [folgt am 11.09.]
- Beschwerde, Mediation, Streitbeilegung: Die außergerichtlichen Wege [folgt am 12.09.]
- Einstweilige Verfügung gegen Amazon: Voraussetzungen, Ablauf, Risiken [folgt am 13.09.]
- Was eine Amazon-Kontosperrung kostet, und was die Gegenwehr [folgt am 14.09.]
- Anwalt bei Amazon-Kontosperrung: Sechs Signale [folgt am 15.09.]
Amazon behauptet eine Verbindung zu einem Konto, das Sie nicht kennen?
Wir helfen Ihnen, den wahrscheinlichen Berührungspunkt zu finden, stellen die Belege für die Trennung zusammen und fordern von Amazon die Umstände der Verknüpfung ein. Bleibt Amazon bei der Behauptung, kennen wir den nächsten Schritt. Eine erste Einschätzung erhalten Sie in der Regel binnen 24 Stunden. Mehr auf unserer Seite Amazon-Konto entsperren lassen.
Häufige Fragen zum verknüpften Amazon-Konto
Darf ich mehrere Amazon-Verkäuferkonten betreiben?+
Wie finde ich heraus, mit welchem Konto Amazon meines verknüpft hat?+
Meine Agentur oder mein Steuerberater betreut auch andere Händler. Ist das eine Verknüpfung?+
Ich habe ein Unternehmen übernommen, das ein altes Amazon-Konto hatte. Was jetzt?+
Amazon schaltet mein Konto erst frei, wenn das „verbundene“ Konto reaktiviert ist. Was kann ich tun?+
Weiterführende Informationen
- Themenseite: Amazon-Verkäuferkonto gesperrt – Was tun?
- Teil 1: Amazon-Verkäuferkonto deaktiviert – die sieben häufigsten Gründe
- Teil 2: Darf Amazon ohne Begründung sperren?
- LHR-Praxisfall: Entsperrung eines Amazon-Kontos
- LHR-Praxisfall: Amazon KDP-Konto wegen angeblicher Mehrfachkonten gesperrt
- Unsere Erfolge