LHR-Praxisfall: Amazon-KDP-Konto gesperrt wegen „Mehrfach-Konten“
Wenn Amazon Konten sperrt, passiert das oft „mit einem Klick“ – die wirtschaftlichen Folgen sind jedoch sofort existenziell.
Das gilt nicht nur für Seller Central, sondern auch für Kindle Direct Publishing (KDP): Ohne Konto kein Upload, keine Verkäufe, kein Zugriff auf Berichte – und häufig auch keine Auszahlung offener Tantiemen.
Der folgende Fall zeigt, wie schnell aus einem pauschalen Vorwurf („Mehrfach-Konten“) eine monatelange Blockade werden kann – und warum es sich lohnt, rechtlich strukturiert gegenzuhalten, statt sich in Textbaustein-Schleifen aufzureiben.
Zur generellen Einordnung von Amazon-Kontosperrungen (typische Gründe, Amazon-Verfahren vs. rechtliche Durchsetzung) siehe auch unsere Übersichtsseite und den Praxisfall zur Reaktivierung gesperrter Konten. Siehe unten.
Ausgangslage: Zwei KDP-Konten – aber nicht „mehrere“ im Sinne von Amazons Regeln
- ein KDP-Konto einer natürlichen Person (seit 2019)
- ein KDP-Konto einer Personengesellschaft (seit 2020)
Beide Konten waren transparent geführt; die Angaben waren vollständig und konsistent. Eine „Konto-Farm“ oder ein Ausweichen auf Schattenaccounts lag gerade nicht vor.
Der einzige Berührungspunkt: eine Person war in beiden Strukturen involviert – was im echten Leben (Familien-/Partnerkonstellationen, Gesellschaften) häufig vorkommt.
Was Amazon daraus gemacht hat: erst IP-/Content-Vorwurf, dann „Mehrfach-Konten“, am Ende nur noch „endgültig“
- März 2025: Beanstandung eines konkreten Buchs/Listings unter Verweis auf KDP-Inhaltsrichtlinien – ohne nachvollziehbare Subsumtion.
- 29.03.2025: Kündigung des ersten KDP-Kontos wegen angeblich fehlender „Veröffentlichungsrechte“ – ohne konkrete Tatsachengrundlage.
- August 2025: Kündigung des zweiten KDP-Kontos mit dem Vorwurf „mehrere Konten“; welche Konten gemeint sind, blieb offen.
- November 2025: Erklärung der Endgültigkeit – ohne weitere Erläuterungen.
Typisch ist das Muster: Die Begründung wechselt, bleibt aber inhaltlich unkonkret – während das interne Beschwerdeverfahren faktisch in Standardantworten steckenbleibt.
Besonderheit: Selbst US-Anwälte waren bereits dran – ohne Ergebnis
Unsere Mandanten hatten bereits über eine US-Kanzlei versucht, eine Überprüfung auf Senior-Level zu erreichen.
Amazon blieb dennoch bei der Sperre. Für die Praxis ist das wichtig: Mehr Aufwand oder „bessere Worte“ führen bei Plattformverfahren nicht zwingend weiter – entscheidend ist, ob man Amazon rechtlich und strukturiert in eine begründete Prüfung zwingt.
Rechtlicher Hebel: P2B-VO und DSA – Begründungspflichten sind kein „Nice-to-have“
P2B-VO (EU) 2019/1150 verlangt im Kern eine konkrete Begründung („statement of reasons“) und ein effektives internes Beschwerdemanagement. Der Digital Services Act (DSA) sieht zudem ein wirksames internes Beschwerdesystem gegen Plattformentscheidungen vor – u. a. bei Kontosperrungen oder Monetarisierungsentscheidungen.
Im Fallbild war genau das das Problem: keine konkrete Tatsachengrundlage, keine nachvollziehbare Subsumtion, keine echte Auseinandersetzung mit den Einwänden – stattdessen wechselnde Textbausteine.
Zweiter Hebel: Kartellrechtliche Einordnung – Plattformmacht ist juristisch greifbar
Amazon ist nicht „irgendein Vertragspartner“. Der Bundesgerichtshof hat bestätigt, dass Amazon eine überragende marktübergreifende Bedeutung für den Wettbewerb hat (§ 19a GWB). Das stärkt die Argumentation, dass Sperren transparent, verhältnismäßig und nicht willkürlich erfolgen dürfen.
Ergebnis: Reaktivierung erreicht – ohne „Endlos-Schleife“ im Plattform-Support
Nach unserer anwaltlichen Intervention und einer konsequenten, rechtlich fokussierten Aufbereitung des Sachverhalts konnte die Freischaltung für die Mandantschaft erreicht werden.
Was Betroffene mitnehmen sollten
- Trennung sauber dokumentieren: natürliche Person vs. Gesellschaft, Verantwortlichkeiten, Zahlungs-/Steuerdaten, Kontaktpunkte.
- Nicht auf den ersten Vorwurf fixieren: wechselnde Begründungen sind oft ein Hinweis auf fehlende Einzelfallprüfung.
- DSA/P2B-VO nicht verschenken: Wer gewerblich tätig ist, hat mehr als „Kulanz“-Argumente.
- Zeitfaktor ernst nehmen: Gerade bei KDP zählt jeder Tag – notfalls muss parallel zur Plattformkommunikation die rechtliche Schiene vorbereitet werden.