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Kommunikation – vielschichtig und gewaltlos

Kommunikation gewaltlos
Photo by Volodymyr Hryshchenko on Unsplash

Die Bedeutung und die Notwendigkeit des Dialogs ist die eine Seite der Mediationsmedaille, die Frage, wie dieser Dialog gelingt, die andere. Um sie beantworten zu können, müssen sich die am Gespräch Beteiligten der Bedingungen bewusst sein, unter denen Kommunikation stattfindet.

Das Kommunikationsquadrat

Friedemann Schulz von Thun, ein Kommunikationspsychologe und Gründer eines Instituts für Kommunikation in Hamburg, hat vier Seiten einer Botschaft unterschieden, die sich zu einem Quadrat zusammenfügen lassen, also alle die grundsätzlich gleiche Bedeutung haben bzw. annehmen können, abhängig von der Interpretation der Botschaft, und zwar sowohl von Seiten des Senders als auch des Empfängers.

Jede Botschaft, so Schulz von Thun, enthalte eine Sachseite, eine Selbstoffenbarungsseite, eine Beziehungsseite und eine Appellseite. Jeder dieser Aspekte kann aus der Botschaft herausgegriffen und problematisiert werden. Es kann um die Information gehen, um die Daten und Fakten einer Aussage (Sachseite), es kann aber auch darum gehen, was der Sender der Botschaft von sich zu erkennen gibt (Selbstoffenbarungsseite), welche tatsächliche oder auch nur vermeintliche Meinung des Senders über den Empfänger erkennbar wird (Beziehungsseite) oder was der Sender beim Empfänger erreichen möchte (Appellseite).

Es ist für den Erfolg der Mediation wichtig, sich klar zu machen, dass es diese ganz unterschiedlichen Aspekte in unserer Kommunikation gibt und auf welcher Ebene jeweils die Reaktion liegt. So kann man füreinander ein besseres Verständnis aufbringen, wenn man berücksichtigt, auf welcher Ebene eine Botschaft angekommen ist, obgleich sie möglicherweise mit einer Absicht auf ganz anderer Ebene gesendet wurde.

Die Gewaltfreie Kommunikation (GFK)

Zur gelungenen Kommunikation gehört also die Erkenntnis, dass nicht immer alles vom Empfänger so verstanden wird, wie es gemeint war. Um die Diskrepanzen zwischen Intention und Interpretation so gering wie möglich zu halten, braucht es Einfühlungsvermögen. Wie lässt sich das ins Gespräch bringen?

Marshall B. Rosenberg war der Ansicht, dass unser kommunikatives Einfühlungsvermögen mit der Art und Weise unseres Sprechens zusammenhängt. Er entwickelte das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation (GFK). Ziele der GFK sind die Überwindung klassischer Kommunikationsmuster (Verteidigung, Rückzug, Angriff), die Reduzierung von Widerstand, Abwehr und gewalttätigen Reaktionen, die Förderung der Wertschätzung und die Stärkung unseres Einfühlungsvermögens durch die Klärung und Unterscheidung der Ebenen von Beobachtung, Gefühl und Bedürfnis, anstatt – unter Einebnung der Differenzen – vorschnell zu reagieren, also zu entscheiden und zu urteilen.

Der Schlüssel für ein gelungenes Gespräch liegt nach Rosenberg in diesem Einfühlungsvermögen. Denn er sieht den Menschen als Beziehungswesen, das sich von Anderen die Befriedigung eigener Bedürfnisse erwartet. Klarheit und Ehrlichkeit in der Artikulation dieser Wünsche, deren Nichterfüllung, so Rosenberg, hinter allen Konflikten stehe, ist dabei ebenso wichtig, wie das empathische Zuhören und der aufrichtige Wille, die Bedürfnisse des Anderen zu erkennen, sie ernst zu nehmen und – soweit möglich – zu befriedigen.

Rosenberg hat ein positives Menschenbild. Er nimmt an, dass jeder Mensch gern bereit ist, etwas für einen anderen Menschen zu tun, sofern bestimmte Bedingungen erfüllt sind, dass etwa die Bedürfnisse als Bitten und nicht als Forderungen kommuniziert werden. Gewaltfrei ist diese Art der Kommunikation deshalb, weil sie einerseits im Prozess auf gewaltsames Sprechen (neudeutsch: hate speech) verzichtet und weil sie andererseits hilft, Gewalt zu verhindern. Nach Rosenberg ist Gewalt nämlich nichts anderes als ein Ausdruck unbefriedigter Bedürfnisse.

Gib dem Gespräch eine Chance!

Ob das immer so klappt mit der Kommunikation – gewaltlos, richtig deutend, zielführend – ist die Frage. Es gibt auch Dialoge, die scheitern. Dann ist das höchste der Gefühle die Übereinstimmung hinsichtlich der Differenzen – agree to disagree. Aber auch das wäre schon etwas mehr als die Konfrontation, die sich mit der Mauer des Schweigens unweigerlich manifestiert. Insoweit überwiegen bei der Entscheidung zum Dialog die Chancen in den allermeisten Fällen die Risiken. Und diese Chancen lassen sich mit Hilfe von außen, in Gestalt der Mediation, beträchtlich erhöhen.

Der Beitrag stammt von unserem freien Autor Josef Bordat. Er ist Teil unserer Reihe “Berichte aus der Parallelwelt”. Dort werfen Autoren aus anderen Fachbereichen einen Blick auf die Rechtswissenschaft in Theorie und Praxis. Die Beiträge betrachten, anders als unsere sonstigen Fachbeiträge Begebenheiten und Rechtsfälle daher auch nicht juristisch, sondern aus einem völlig anderen Blickwinkel. Aus welchem, das soll der Beurteilung der Leser überlassen bleiben. Interessant wird es, wie wir meinen, allemal.

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