Wer bei bild.de anonymisiert wird, den kennt bald die ganze Welt

Von Arno Lampmann, 9. Februar 2011

Das italienische Model Mona L. möchte nicht erkannt werdenErst letzte Woche berichteten wir über das Phänomen der unzureichenden Anonymisierung in einem Urteil über eine gewisse “Natascha K”. Bild digital hat nun für die Medien wie auf Bestellung ein Beispiel geliefert, das plakativer nicht sein könnte. Vorgestern wurde auf bild.de  über einen verschwundenen Münchener Tankstellenchef namens “Peter M.” berichtet, der nun wieder aufgetaucht ist und seine Abwesenheit damit begründete, er sei entführt worden, was möglicherweise nicht stimmte.

Möchte die Presse in ihrer Berichterstattung den Namen einer Person nennen, hat sie zwischen dem Interesse des Betroffenen am Schutz seiner Privatsphäre auf der einen Seite und dem Informationsinteresse der Öffentlichkeit auf der anderen Seite abzuwägen. Als Besonderheiten in der hier zu treffenden Abwägung sind zu nennen, dass der Tankstellenchef nicht nur angebliches Opfer einer Straftat ist und daher möglicherweise besonderen Schutzes bedarf, sondern zugleich Täter sein könnte, indem er eine Straftat vorgetäuscht hat, die so nicht passiert ist. Erwähnt wird außerdem ein Haftbefehl gegen ihn wegen Untreue und Betrugs. Bei der Verdachtsberichterstattung fällt die Abwägung nach den dafür von der Rechtsprechung aufgestellten Kriterien noch schwieriger aus, da die Stigmatisierung des Betroffenen wegen eines bloßen Verdachts vermieden werden soll. Ob hier bild.de über den Tankstellenchef so berichten darf, dass er identifizierbar ist, soll uns nicht weiter beschäftigen.

Auffällig ist, dass bild.de zwar den Eindruck vermittelt, man schützte die Person, über die berichtet wird, durch Abkürzung des Nachnamens, aber gleichzeitig dabei alle nur denkbaren Informationen liefert, um zweifelsfrei die Identität des “Peter M.” preis zugeben.

In der Überschrift und im weiteren Artikel wird er bezeichnet als “Peter M.”

“Peter M. sitzt im Rollstuhl und spricht von Entführung”

aber das war es dann auch schon an Anonymisierung.

Mit Merkmalen zur Identifizierung geizt der Artikel nicht:

– “Peter M. (48)”

– “München”

– “seiner Tankstelle in der Richard-Strauss-Straße” (der Straßenname verlinkt zur Adresse der Tankstelle in Google Maps)

– “…seiner Verpächterin (Bavaria Petrol, die Red.)”

Aber damit nicht genug: In dem Artikel sind drei Bilder zu sehen. Auf jedem dieser Bilder ist ein Foto des Peter M. zu sehen. Für das Bildnis eines Betroffenen gelten übrigens verschärfte Regeln, da sich ein Bild auch dem flüchtigen Leser eher einprägt und damit eine noch schwerere Persönlichkeitsrechtsverletzung darstellen kann. Jedoch wurde eine zeitlang auch nach Peter M. gefahndet, und für die Zeit der Fahndung kann der Presse eine Bildveröffentlichung gestattet sein.

Der vollständige Name des Peter M. findet sich schließlich unter jedem der oben eingeblendeten Fotos, wobei ein drittes Foto in der Galerie ein Porträt zeigt samt einer Bildunterschrift mit vollem Namen. Erstklassiger Journalismus à la Bild digital.

Doch auch damit ist noch lange nicht Schluss: Im ersten Absatz des Artikels ist der Name des “Peter M.” verlinkt. Unter dem Link findet sich ein älterer Artikel, in welchem der volle Name  in der Überschrift und im Text genannt wird.

Die vergebliche Anonymisierung durch Abkürzung des Nachnamens mutet da an wie ein schlechter Scherz. (ca)

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Diskussion zu diesem Artikel:

12 Kommentare

  1. JS

    Der vollständige Name findet sich auch noch als Bildunterschrift in der bild.de-Klickstrecke.

  2. Patrik

    Kann man sowas nicht abmahnen? Findige Rechtsverdr… äh Anwälte mahnen doch jeden mist ab 😉

  3. Matthias

    Die Anonymisierung der Bildzeitung erinnert mich an das Gesellschaftsspiel “Wer ist es?”
    Bei diesem Spiel musste man eine konkrete Person anhand von Merkmalen erraten.
    “Trägt Deine Person eine Brille?” etc.

  4. captainobvious

    Übrigens auch in der Titelzeile d. Browsers. Und wenn man schon so nett* ist, gleich zu Google Maps zu verlinken: der Firmenname der Tankstelle = der Nachname.
    Übrigens: warum denn diesmal kein Foto in der Klickstrecke, auf der das Tankstellenschild mit Namen erkennbar ist?

    *bzw man seine Leser für zu dumm hält, den Straßennamen selbst zu googeln?

    Aber, erhrlich: glaubt am Ende jemand ernsthaft, dass ein Premiumblatt wie BLÖD gar heuchlerisch ist, und alles tut, damit selbst der Dümmste (also wohl der Durchschnittsleser) die Klarnamen rausfindet — oder besser nicht anders kann als drüberzustolpern?? Und sich am Ende für Sherlock Holmes hält.

  5. Moritz

    Interessant ist vielleicht auch noch, dass der Nachname des Herrn M. im Quelltext der Seite ungefähr 55 mal auftaucht. Der Leser sieht das vielleicht nicht, aber die verschiedenen Suchmaschinen schon.

  6. ChrissiMuc

    Ich bin ja sonst gerne beim Bild-Bashing dabei…

    Aber mal ganz ehrlich. Diese Infos
    – Alter
    – München
    – Tankstellenadresse
    – Vollständiger Name in den verlinkten älteren Artikeln
    finden sich auch alle noch aktuell bei Süddeutsche.de

    http://www.sueddeutsche.de/muenchen/muenchen/vermischtes/muenchen-mysterioeser-kriminalfall-verschollener-tankstellenpaechter-aufgetaucht-1.1055982

    Ob jetzt mit oder ohne Foto des Tankstellenpächters macht in meinen Augen keinen großen Unterschied.

  7. Johannes C.

    Auch im Link des in Rede stehenden Artikels taucht der Name ausgeschrieben auf.

  8. H. Stötter

    Ich finde es reichlich bigott und/oder dämlich, wenn der Artikelschreiber einerseits die fehlenden Anonymisierung durch Bild anprangert, um dann genau diese Passagen zu zitieren und das Persönlichkeitsrecht selbst zu verletzten.

  9. DHH

    Das gleiche war mir just gestern bei der “Bild” aufgefallen: In einem Artikel über die auf der Gorch Fock zu Tode gekommene Soldatin war durchgängig von “Sarah S.” die Rede; der Link zu einem der Bilder enthielt aber den vollständigen Nachnamen. Nicht gut.

  10. RA Müller

    Das ist “anonymisierte Berichterstattung” frei nach den Simpsons:
    “Lisa S., nein, L. Simpson”
    😉

  11. nömix

    Der vollständige Name findet sich drüber hinaus sowohl im Seitentitel »Tankstellen-Chefs Peter M[..]s Mutter: „Wir sind tief enttäuscht“« wie auch der Linkadresse “www.bild.de/BILD/…/m[..]s-mutter/wir-sind-tief-enttaeuscht.html” der betreffenden Seite.

  12. Lux

    Ich war auch schon Opfer einer BLÖD- Anonymisierung mit passenden Text dazu. Es handelte sich glücklicherweise damals nur um eine versuchte Rufmordaktion der BLÖD, da die Sympathien der Leser wohl auf meiner Seite lagen.

 

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