{"id":69850,"date":"2026-01-22T06:24:37","date_gmt":"2026-01-22T04:24:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lhr-law.de\/?p=69850"},"modified":"2026-01-22T06:34:42","modified_gmt":"2026-01-22T04:34:42","slug":"amazon-erpressung-lg-stuttgart","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lhr-law.de\/en\/magazin\/wettbewerbsrecht-kartellrecht\/amazon-erpressung-lg-stuttgart\/","title":{"rendered":"LHR-Praxisfall Update: LG Stuttgart stoppt missbr\u00e4uchliche ASIN-Sperren"},"content":{"rendered":"<p><em><img decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-69830 alignleft\" src=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Amazon-Markentroll-1-569x414.jpg\" alt=\"\" width=\"569\" height=\"414\" srcset=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Amazon-Markentroll-1-569x414.jpg 569w, https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Amazon-Markentroll-1-620x451.jpg 620w, https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Amazon-Markentroll-1-284x207.jpg 284w, https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Amazon-Markentroll-1-768x559.jpg 768w, https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Amazon-Markentroll-1.jpg 1006w\" sizes=\"(max-width: 569px) 100vw, 569px\" \/>Der vorliegende Praxisfall kn\u00fcpft an ein Problem an, \u00fcber das wir im LHR-Magazin bereits berichtet haben: den gezielten Missbrauch von Markenanmeldungen, um \u00fcber Infringement-Meldungen ASIN-Sperren auf Amazon auszul\u00f6sen und Wettbewerber wirtschaftlich unter Druck zu setzen.<\/em><\/p>\n<p>Zum Hintergrundbeitrag: <a href=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/magazin\/wettbewerbsrecht-kartellrecht\/amazon-erpressung-markentroll\/\">Amazon, Markentrolle und Erpressung: Wenn Markenrecht zur Wettbewerbswaffe wird<\/a><\/p>\n<h2>Sachverhalt: Markenanmeldung als Hebel zur Angebotsblockade<\/h2>\n<p>Die Antragstellerin vertreibt seit Jahren erfolgreich Produkte aus dem Outdoor- und Camping-Bereich \u00fcber Amazon. Sie nutzt hierf\u00fcr ein etabliertes Unternehmenskennzeichen sowie \u00e4ltere nationale und europ\u00e4ische Markenrechte. Umsatzstark waren unter anderem Impr\u00e4gniermittel, W\u00e4scheleinen und Wasserfilter.<\/p>\n<p>Der Antragsgegner meldete im August 2025 eine deutsche Wortmarke an, die exakt jene Warenklassen erfasste, in denen die Antragstellerin t\u00e4tig war (u. a. Klassen 1, 11 und 22). Unmittelbar nach der Eintragung nahm der Antragsgegner Infringement-Meldungen bei Amazon vor. Amazon entfernte daraufhin automatisiert mehrere ASINs der Antragstellerin.<\/p>\n<p>Eine vorherige Abmahnung erfolgte nicht. Auch eine inhaltliche Pr\u00fcfung der markenrechtlichen Gesamtsituation \u2013 insbesondere \u00e4lterer Kennzeichenrechte oder der Benutzungsabsicht des Markenanmelders \u2013 fand auf Plattformebene ersichtlich nicht statt.<\/p>\n<h2>Eskalation au\u00dferhalb der Plattform: Zahlungsforderungen statt Rechtsdurchsetzung<\/h2>\n<p>Nach den ASIN-Sperren wandte sich der Antragsgegner au\u00dferhalb der Plattform an die Antragstellerin und forderte mehrfach die Zahlung erheblicher Geldbetr\u00e4ge, um weitere Sperrungen zu unterlassen.<\/p>\n<p>Diese Konstellation \u2013 Markenanmeldung, Plattformmeldung, Sperrung und anschlie\u00dfende Zahlungsforderung \u2013 ist typisch f\u00fcr Markentroll-F\u00e4lle und war auch im vorliegenden Verfahren von Bedeutung. Parallel leitete die Antragstellerin Widerspruchs- und L\u00f6schungsverfahren wegen b\u00f6sgl\u00e4ubiger Markenanmeldung ein und beantragte einstweiligen Rechtsschutz.<\/p>\n<h2>Die Entscheidung des LG Stuttgart (Az. <a href=\"https:\/\/dejure.org\/dienste\/vernetzung\/rechtsprechung?Text=17%20O%207\/26\" title=\"LG Bochum, anh&auml;ngiges Verfahren - 17 O 7\/26\">17 O 7\/26<\/a>)<\/h2>\n<p>Das Landgericht Stuttgart gab dem Antrag statt und untersagte dem Antragsgegner, weiterhin gegen\u00fcber Amazon Markenrechtsverletzungen zu behaupten oder ASIN-Sperrungen herbeizuf\u00fchren (LG Stuttgart, Beschluss v. 14.01.2026, Az. <a href=\"https:\/\/dejure.org\/dienste\/vernetzung\/rechtsprechung?Text=17%20O%207\/26\" title=\"LG Bochum, anh&auml;ngiges Verfahren - 17 O 7\/26\">17 O 7\/26<\/a>).<\/p>\n<p>Der Beschluss ist <a href=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Beschluss-geschwaerzt100.pdf\">hier als PDF<\/a> abrufbar.<\/p>\n<p>Das Gericht qualifizierte das Vorgehen als rechtsmissbr\u00e4uchliche Schutzrechtsverwarnung und als unlauteren Behinderungswettbewerb (insbesondere <a href=\"https:\/\/dejure.org\/gesetze\/UWG\/4.html\" title=\"&sect; 4 UWG: Mitbewerberschutz\">\u00a7 4 Nr. 4 UWG<\/a>). Ma\u00dfgeblich war nicht die blo\u00dfe Existenz einer formell eingetragenen Marke, sondern der Gesamtzusammenhang:<\/p>\n<ul>\n<li>zielgerichtete Markenanmeldung f\u00fcr exakt jene Waren, in denen die Antragstellerin t\u00e4tig war,<\/li>\n<li>keine erkennbare ernsthafte eigene Benutzungsabsicht,<\/li>\n<li>Einsatz der Sperrwirkung als Druckmittel \u00fcber Plattformmechanismen,<\/li>\n<li>enger zeitlicher Zusammenhang zu Zahlungsforderungen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Damit best\u00e4tigt das LG Stuttgart in seltener Klarheit: Markenrecht darf nicht als Wettbewerbswaffe missbraucht werden.<\/p>\n<h2>Parallelen zur bisherigen LHR-Berichterstattung<\/h2>\n<p>Der Beschluss st\u00fctzt die Analyse aus unserem fr\u00fcheren Beitrag: Amazon pr\u00fcft im Rahmen der Brand Registry regelm\u00e4\u00dfig formal und klassenbezogen, w\u00e4hrend Gerichte den wettbewerblichen Kontext, Unternehmenskennzeichenrechte und Missbrauchsaspekte ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p>Betroffene Seller sollten sich daher nicht auf die Plattformlogik beschr\u00e4nken. Ein Vorgehen, das plattformseitig zun\u00e4chst \u201eregelkonform\u201c erscheint, kann wettbewerbsrechtlich unzul\u00e4ssig sein.<\/p>\n<h2>Rolle der Kanzlei IBE AVOCAT \/ Isabelle Bertaux<\/h2>\n<p>Die im vorliegenden Fall angegriffene Marke wurde \u00fcber die Pariser Kanzlei IBE AVOCAT (Isabelle Bertaux) angemeldet. Die Kanzlei tritt seit Jahren als Vertreterin einer au\u00dfergew\u00f6hnlich hohen Zahl von fast 30.000 Markenanmeldungen in den letzten Jahren auf, insbesondere f\u00fcr ausl\u00e4ndische Mandanten.<\/p>\n<p>In F\u00e4llen, in denen Markenanmeldungen auff\u00e4llig passgenau zur Ausl\u00f6sung von Plattform-Sperrmechanismen eingesetzt werden, stellt sich nicht nur die Frage der markenrechtlichen Schutzf\u00e4higkeit, sondern vor allem die wettbewerbsrechtliche Zweckrichtung. Der Beschluss des LG Stuttgart zeigt, dass auch die formale Einschaltung professioneller Markenvertreter keinen Schutz vor der Qualifikation als rechtsmissbr\u00e4uchliches Vorgehen bietet.<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>Der Beschluss des Landgerichts Stuttgart ist praxisrelevant: Markentrolle sind nicht nur ein plattformspezifisches \u00c4rgernis, sondern ein justiziables wettbewerbsrechtliches Problem.<\/p>\n<p>F\u00fcr Amazon-Seller gilt: Wer sich gegen ASIN-Sperren ausschlie\u00dflich innerhalb der Plattform verteidigt, greift h\u00e4ufig zu kurz. Der Blick \u00fcber die Plattform hinaus \u2013 hin zu wettbewerbsrechtlichen Unterlassungsanspr\u00fcchen und flankierenden kennzeichenrechtlichen Rechtsbehelfen \u2013 ist in solchen F\u00e4llen regelm\u00e4\u00dfig unerl\u00e4sslich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der vorliegende Praxisfall kn\u00fcpft an ein Problem an, \u00fcber das wir im LHR-Magazin bereits berichtet haben: den gezielten Missbrauch von Markenanmeldungen, um \u00fcber Infringement-Meldungen ASIN-Sperren auf Amazon auszul\u00f6sen und Wettbewerber wirtschaftlich unter Druck zu setzen. 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