{"id":62741,"date":"2022-08-27T08:00:14","date_gmt":"2022-08-27T06:00:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lhr-law.de\/?p=62741"},"modified":"2022-08-23T15:14:50","modified_gmt":"2022-08-23T13:14:50","slug":"cancel-culture","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lhr-law.de\/en\/magazin\/medienrecht-und-persoenlichkeitsrecht\/cancel-culture\/","title":{"rendered":"\u201eCancel Culture\u201c \u2013 ein neues Gesellschaftsspiel?"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_62742\" aria-describedby=\"caption-attachment-62742\" style=\"width: 621px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-62742 size-medium\" src=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/cancel-culture-621x414.jpg\" alt=\"Cancel Culture\" width=\"621\" height=\"414\" srcset=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/cancel-culture-621x414.jpg 621w, https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/cancel-culture-620x413.jpg 620w, https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/cancel-culture-311x207.jpg 311w, https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/cancel-culture-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/cancel-culture-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/cancel-culture-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 621px) 100vw, 621px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-62742\" class=\"wp-caption-text\">Photo by <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/@markuswinkler?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText\">Markus Winkler<\/a> on <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/s\/photos\/cancel-culture?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText\">Unsplash<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p><em>Wir sind stolz auf unsere Demokratie, deren Grundprinzip die Freiheit ist. Doch immer weniger scheinen wir bereit, deren \u201eFolgelast\u201c (Habermas) zu tragen: die Toleranz.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/em><\/p>\n<h2>Toleranz, Respekt, Akzeptanz<\/h2>\n<p>Hei\u00dft: Auch Meinungen, Haltungen und Positionen sind zu tolerieren, die wir nicht respektieren oder akzeptieren k\u00f6nnen. Die Differenz von inhaltlicher \u00dcbereinstimmung oder freudiger Annahme zu der blo\u00dfen Erm\u00f6glichung der Einnahme von Positionen verwischt im Diskurs aber immer mehr. Damit stirbt die Toleranz. Toleranz kann dem Wortsinn nach ja erst dort beginnen, wo ich etwas nicht teile, nicht verstehe, denn es bedeutet schlicht \u201eDuldung\u201c. Das ist die schw\u00e4chste Form, dem Fremden \u2013 sei es eine Sache oder ein Mensch \u2013 \u00fcberhaupt eine Existenzberechtigung zuzubilligen.<\/p>\n<h2>Was ist noch sagbar?<\/h2>\n<p>Daran hapert es immer dort, wo Sagbarkeits- und Verhaltenskriterien aufgestellt werden, denen eine bestimmte inhaltliche Festlegung im R\u00fccken steht. Wer diesen Kriterien nicht gen\u00fcgt, muss nun nicht mehr allein mit Kritik an der \u201eGrenz\u00fcberschreitung\u201c als solcher rechnen, sondern damit, im Diskurs insgesamt \u201eausgel\u00f6scht\u201c zu werden. \u201eCancel Culture\u201c nennt sich das, ein Begriff der von Bef\u00fcrwortern als gerechtfertiger sozialer Ausschluss von diskriminierendem Handeln verstanden, von Kritikern als Angriff auf die Meinungs-, Kunst- und Wissenschaftsfreiheit angesehen wird.<\/p>\n<h2>Es geht um die Person, nicht nur ihre Position<\/h2>\n<p>Entscheidend bei der \u201eCancel Culture\u201c ist der Angriff auf die Person als solche, nicht nur die Kritik an einer Position, die sie vertritt. Deutlich wird dies etwa dann, wenn Professoren ihr Lehrstuhl an der Universit\u00e4t streitig gemacht wird, weil sie eine unliebsame Haltung einnehmen, die nur am Rand mit dem Gebiet zu tun haben, das sie als Hochschullehrer unterrichten. Hier wird klar, dass es nicht nur um \u2013 m\u00f6glicherweise berechtigte \u2013 Kritik in der Sache, sondern um die \u201eVernichtung\u201c der Person geht. \u201eCancel Culture\u201c ist also viel weitreichender als der wichtige Widerspruch gegen Uns\u00e4gliches, Kritik an \u201eCancel Culture\u201c entsprechend kein Freibrief f\u00fcr Beleidigungen oder Falschaussagen. Es geht um die Tragweite des Vorgehens.<\/p>\n<h2>Die gro\u00dfe Gefahr, oder: Es geht um Freiheit<\/h2>\n<p>Das Gef\u00e4hrliche an der \u201eCancel Culture\u201c ist n\u00e4mlich zudem \u2013 neben den existenziellen Folgen f\u00fcr die betreffende Person \u2013, dass durch Einsch\u00fcchterung ein Klima der Angst erzeugt wird, in dem Einrichtungen und Institutionen (wie etwa eine Universit\u00e4t) nicht zur Solidarisierung neigen, sondern zu vorsorglichem Einlenken. Statt sich erst einmal hinter die Mitarbeiterin oder den Kollegen zu stellen, regiert die Furcht davor, als n\u00e4chstes zur Zielscheibe zu werden und ebenso die gesellschaftliche Vernichtung zu erleiden. Nach diesem Prinzip funktioniert Mobbing, nach diesem Prinzip funktionieren aber auch Diktaturen. Schaden nimmt mit der \u201eCancel Culture\u201c also nicht weniger als das Grundprinzip der Demokratie: Freiheit.<\/p>\n<p><em>Der Beitrag stammt von unserem freien Autor Josef Bordat. Er ist Teil unserer Reihe \u201cBerichte aus der Parallelwelt\u201d. Dort werfen Autoren aus anderen Fachbereichen einen Blick auf die Rechtswissenschaft in Theorie und Praxis. Die Beitr\u00e4ge betrachten, anders als unsere sonstigen Fachbeitr\u00e4ge Begebenheiten und Rechtsf\u00e4lle daher auch nicht juristisch, sondern aus einem v\u00f6llig anderen Blickwinkel. Aus welchem, das soll der Beurteilung der Leser \u00fcberlassen bleiben. Interessant wird es, wie wir meinen, allemal.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir sind stolz auf unsere Demokratie, deren Grundprinzip die Freiheit ist. Doch immer weniger scheinen wir bereit, deren \u201eFolgelast\u201c (Habermas) zu tragen: die Toleranz.\u00a0 Toleranz, Respekt, Akzeptanz Hei\u00dft: Auch Meinungen, Haltungen und Positionen sind zu tolerieren, die wir nicht respektieren oder akzeptieren k\u00f6nnen. 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