{"id":57340,"date":"2021-03-05T22:59:31","date_gmt":"2021-03-05T20:59:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lhr-law.de\/?p=57340"},"modified":"2021-03-05T22:59:31","modified_gmt":"2021-03-05T20:59:31","slug":"wikipedia-autor-muss-schadensersatz-leisten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lhr-law.de\/en\/magazin\/wikipedia-autor-muss-schadensersatz-leisten\/","title":{"rendered":"Wikipedia-Autor muss Schadensersatz leisten"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_57342\" aria-describedby=\"caption-attachment-57342\" style=\"width: 496px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-57342\" src=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/wikipedia-schadensersatz.jpg\" alt=\"wikipedia-schadensersatz\" width=\"496\" height=\"304\" srcset=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/wikipedia-schadensersatz.jpg 1417w, https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/wikipedia-schadensersatz-677x414.jpg 677w, https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/wikipedia-schadensersatz-620x379.jpg 620w, https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/wikipedia-schadensersatz-768x470.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 496px) 100vw, 496px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-57342\" class=\"wp-caption-text\">Photo by Luke Chesser on Unsplash<\/figcaption><\/figure>\n<p><em>Auch und gerade die Enzyklop\u00e4die Wikipedia ist kein rechtsfreier Raum. Das wurde jetzt erneut einem langj\u00e4hrigen und erfahrenen Wikipedia-Autoren deutlich gemacht. Denn wer bei Wikipedia eine andere Person mit falschen Behauptungen gezielt herabw\u00fcrdigt, muss Schadensersatz leisten.<\/em><\/p>\n<p><em>Das LG Koblenz spricht den Betroffenen einen Anspruch auf Darstellung und Gewichtung des Eintrags zu, die sich nach sachlichen Kriterien richten. Die Verbreitung unwahrer Tatsachen sowie eine bewusst einseitige und negativ verzerrende Darstellung muss man auch und gerade auf Wikipedia nicht hinnehmen.<\/em><\/p>\n<h2>Vom Friedensaktivist zum Hauptvertreter des Antizionismus?<\/h2>\n<p>Ein isl\u00e4ndischer Komponist hatte einen Eintrag bei Wikipedia. Er ist auch als politischer Autor t\u00e4tig und befasst sich unter anderem mit dem Thema Terrorismus und Fragen des Nahost-Konflikts. Diese Informationen konnten in dem Wikipedia-Artikel zu seiner Person abgerufen werden. Der vorhandene Artikel wurde dann im Jahr 2017 von einem Autor, der unter dem Pseudonym \u201eFeliks\u201c auftrat, mehrfach ver\u00e4ndert: Unter anderem schrieb er, der Komponist gelte als isl\u00e4ndischer Hauptvertreter des Antizionismus. Er komponiere nur noch \u00dcbungsst\u00fccke f\u00fcr Kinder und propagiere hinsichtlich der Anschl\u00e4ge vom 11.September 2001 die von Verschw\u00f6rungstheoretikern vertretene \u201eFalse-Flag-These\u201c. Als der Komponist und Autor die Identit\u00e4t von \u201eFeliks\u201c herausfand, forderte er Schadensersatz und die Abgabe einer Unterlassungserkl\u00e4rung.<\/p>\n<h2>Schwerwiegende Verletzung des Pers\u00f6nlichkeitsrechts<\/h2>\n<p>All das sei, so urteilte das Landgericht Koblenz (LG Koblenz, Urteil v. 14.01.2021, Az. 0 O 80\/20), entweder bewusst unwahr oder irref\u00fchrend. Doch konkret ging es um Schadensersatz wegen einer schwerwiegenden Verletzung des Pers\u00f6nlichkeitsrechts. Dadurch, dass der Wikipedia-Beitrag so zentral in den Suchmaschinen auffindbar ist, entstehe dem Gesch\u00e4digten ein immaterieller Schaden und Nachteile.<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich, so das Gericht, muss eine Person, die im Licht der \u00d6ffentlichkeit steht, es hinnehmen, wenn Tatsachen \u00fcber sie verbreitet werden, die sie negativ erscheinen lassen. Inakzeptabel seien aber die Behauptungen unwahrere Tatsachen sowie eine bewusst einseitige und negativ verzerrende Darstellung, die eine innere Logik und Nachvollziehbarkeit nicht erkennen l\u00e4sst. Der Betroffene habe einen Anspruch, dass sich die Darstellung und Gewichtung nach sachlichen Kriterien richteten. Diese Grunds\u00e4tze lege auch Wikipedia mit seinen internen Vorgaben zugrunde. Zwar sei auch eine Online-Enzyklop\u00e4die wie die Wikipedia bis zu einem gewissen Punkt subjektiv in ihren Artikeln, weil schon der blo\u00dfe Umstand, dass ein bestimmtes Ereignis Erw\u00e4hnung findet, eine Wertung beinhalte.<\/p>\n<p>Auch die Darstellung, der Umfang der Darstellung einzelner Sachverhalte beinhalte stets Wertungselemente. Dennoch sei den vorgenannten Behauptungen gemein, dass sie den Beklagten in ein negatives Licht r\u00fccken \u2013 im Vordergrund stehe ausschlie\u00dflich, den Kl\u00e4ger erkennbar unvorteilhaft darzustellen und ihm so zu schaden. Damit habe der Autor den \u201eMa\u00dfstab der Objektivit\u00e4t in relevanter Weise verlassen\u201c h\u00e4lt das Gericht fest. Mehr noch: Der Beklagte missbrauche durch dieses Vorgehen nicht nur die auf Objektivit\u00e4t angelegte Enzyklop\u00e4die Wikipedia, sondern vor allem k\u00f6nne das Verhalten das Vertrauen in die Unabh\u00e4ngigkeit von Wikipedia ersch\u00fcttern.<\/p>\n<h2>Ziel: Nachhaltige Herabw\u00fcrdigung<\/h2>\n<p>Und das mit \u201eErfolg\u201c: Nach Ansicht des Gerichts hatte der Eintrag die Funktion, den Kl\u00e4ger in die geistige N\u00e4he von Rechtskonservativen zu r\u00fccken und weiter sei er geeignet gewesen, Zweifel an der Glaubw\u00fcrdigkeit des Kl\u00e4gers hervorzurufen. Damit sahen die Richter in der Bearbeitung des Wikipedia-Artikels eine schwerwiegende Verletzung des <a href=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/thema\/medienrecht-persoenlichkeitsrecht\/\">Pers\u00f6nlichkeitsrechts<\/a>.<\/p>\n<p>Weil \u201eFeliks\u201c bereits zum wiederholten Male durch seine einseitige Bearbeitung aufgefallen war, ging das Gericht zum einen von einer vors\u00e4tzlichen Begehung aus und lie\u00df diese Umst\u00e4nde zum anderen auch bei der Bemessung des Schadensersatzes mit einflie\u00dfen. Au\u00dferdem ber\u00fccksichtigten die Richter bei der H\u00f6he des immateriellen Schadens, dass die Online Enzyklop\u00e4die eine enorm hohe Reichweite und f\u00fcr die Autoren umfangreiche Richtlinien zur Vermeidung von eben solcher <a href=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/thema\/medienrecht-persoenlichkeitsrecht\/verfolgung-von-verstoessen-gegen-das-persoenlichkeitsrecht-im-internet\/\">Pers\u00f6nlichkeitsverletzungen<\/a> erstellt hat.<\/p>\n<h2>Gezielte Manipulation: Im Wikipedia-Artikel verunglimpft<\/h2>\n<p>Der Beklagte habe zum einen mittels der Behauptung unwahrer Tatsachen, zum anderen mittels tendenzi\u00f6ser und einseitig negativer Darstellung dem Artikel des Kl\u00e4gers in Wikipedia ein ausgesprochen negatives Gesamtgepr\u00e4ge gegeben, so das LG Koblenz. Dem Komponisten sei durch den Artikel schwerwiegende Nachteile in seinem gesch\u00e4ftlichen, k\u00fcnstlerischen, wissenschaftlichen und pers\u00f6nlichen Ansehen entstanden \u2013 was vor allem aufgrund der allgemein bekannten gro\u00dfen Reichweite von Wikipedia ohne weiteres nachvollziehbar ist.<\/p>\n<p>Sowohl aufgrund der Genugtuungsfunktion als auch aufgrund der Pr\u00e4ventionsfunktion wurde dem Komponisten eine Geldentsch\u00e4digung in H\u00f6he von 8000 Euro zugesprochen. Allerdings ist das Urteil noch nicht rechtskr\u00e4ftig \u2013 daneben ist nicht bekannt, ob der Wikipedia-Autor Rechtsmittel einlegen wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch und gerade die Enzyklop\u00e4die Wikipedia ist kein rechtsfreier Raum. Das wurde jetzt erneut einem langj\u00e4hrigen und erfahrenen Wikipedia-Autoren deutlich gemacht. Denn wer bei Wikipedia eine andere Person mit falschen Behauptungen gezielt herabw\u00fcrdigt, muss Schadensersatz leisten. 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