{"id":54654,"date":"2020-08-13T07:43:35","date_gmt":"2020-08-13T05:43:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lhr-law.de\/?p=54654"},"modified":"2020-08-12T01:44:46","modified_gmt":"2020-08-11T23:44:46","slug":"bgh-hebt-urteil-auf-anspielung-auf-geografische-angabe-aceto-balsamico-di-modena-durch-flaschenetikett","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lhr-law.de\/en\/magazin\/markenrecht\/bgh-hebt-urteil-auf-anspielung-auf-geografische-angabe-aceto-balsamico-di-modena-durch-flaschenetikett\/","title":{"rendered":"BGH hebt Urteil auf: Anspielung auf geografische Angabe &#8220;Aceto Balsamico di Modena&#8221; durch Flaschenetikett?"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_54659\" aria-describedby=\"caption-attachment-54659\" style=\"width: 475px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" class=\" wp-image-54659\" src=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/food-3360720_1280-354x207.jpg\" alt=\"\" width=\"475\" height=\"278\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-54659\" class=\"wp-caption-text\">Bild von Harry axalant auf Pixabay<\/figcaption><\/figure>\n<p><em>Das Karlsruher <a href=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/thema\/verhandlungstrategie-prozesstaktik\/olg-oberlandesgericht\/\">Oberlandesgericht<\/a> hatte bereits 2016 entschieden, dass die in der EU gesch\u00fctzte Herkunftsangabe &#8220;Aceto Balsamico di Modena&#8221; sich nicht auf die Bestandteile &#8220;Aceto&#8221; und &#8220;Balsamico&#8221; erstreckt. <\/em><em>Diese Bezeichnungen durften demnach auch von anderen Unternehmen verwendet werden. <\/em><\/p>\n<p><em>Der BGH hat dieses Urteil nun aufgehoben. <\/em><\/p>\n<p><em>Nach Ansicht der Richter habe sich das OLG nicht ausreichend mit der Frage besch\u00e4ftigt, ob durch das <a href=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/thema\/urheberrecht-2\/designrecht\/\">Design<\/a> der Essigflaschen m\u00f6glicherweise eine Anspielung und damit Verwechslungsgefahr zum &#8220;Original&#8221; begr\u00fcndet wird.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<h2>Das geht runter wie \u00d6l!<\/h2>\n<p>Ausgangspunkt der Streitigkeiten war die <a href=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/thema\/verhandlungstrategie-prozesstaktik\/klage\/\">Klage<\/a> eines naheliegenderweise in Italien ans\u00e4\u00dfigen Unternehmens (im Einzelnen dem &#8220;<em>Consorzio<\/em> <em>Tutela Aceto Balsamico di Modena&#8221;<\/em>, einer lokalen Erzeugergemeinschaft), das seit mehreren Jahrzenten Produkte aus dem Bereich der Oliven\u00f6le, Essige und vergleichbaren <a href=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/thema\/lebensmittelrecht\/\">Lebensmitteln<\/a> vertreibt. Zweitgenannte Waren tragen dabei stets die Bezeichnung &#8220;Aceto Balsamico di Modena&#8221;, zu deutsch &#8220;Balsamicoessig aus Modena&#8221;. Einige Kilometer weiter n\u00f6rdlich, genauer gesagt im Raum Baden, bringt eine deutsche Firma (die <em>&#8220;Balema GmbH&#8221;) <\/em>seit \u00fcber 25 Jahren ebenfalls das bekannte Verzehrgut unter den Bezeichnungen &#8220;Balsamico&#8221; und &#8220;deutscher Balsamico&#8221; unters Volk. Dem italienischen Konkurrenten war dies ein Dorn im Auge, und erhob letztlich bereits 2015 Klage vor dem Landgericht Mannheim. Nach Ansicht des Herstellers verst\u00f6\u00dft die Verwendung von &#8220;Balsamico&#8221; und &#8220;deutscher Balsamico&#8221; gegen die in der <a href=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/thema\/markenrecht\/unionsmarke\/\">europ\u00e4ischen<\/a> Union gesch\u00fctzte geografische Angabe &#8220;Aceto Balsamico di Modena&#8221;. Ziel war es, die Balema GmbH mittels Unterlassungsanspruch zur Einstellung der Vermarktung verpflichten zu lassen.<\/p>\n<h2>Essig mit Unterlassungsanspr\u00fcchen!<\/h2>\n<p>Allerdings ohne Erfolg: Das Oberlandesgericht Karlsruhe als <a href=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/thema\/verhandlungstrategie-prozesstaktik\/berufungsverfahren\/\">Berufungsinstanz<\/a> sah in der Verwendung der <a href=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/thema\/markenrecht\/\">Bezeichnungen<\/a> &#8220;Balsamico&#8221; und &#8220;deutscher Balsamico&#8221; keinen Rechtsversto\u00df (OLG Karlsruhe, Urteil v. 9.11.2016, Az. <a href=\"https:\/\/dejure.org\/dienste\/vernetzung\/rechtsprechung?Text=6%20U%20176\/15\" title=\"6 U 176\/15 (3 zugeordnete Entscheidungen)\">6 U 176\/15<\/a>). Nach Ansicht der Richter umfasst der Schutz der Marke &#8220;Aceto Balsamico di Modena&#8221; lediglich die spezifische Ortsangabe &#8220;aus Modena&#8221; &#8211; die restlichen Bestandteile &#8220;Aceto&#8221; und &#8220;Balsamico&#8221; seien gerade nicht erfasst. Der Fall landete letzlich vor dem Bundesgerichtshof, welcher wiederum den EuGH mit Bitte um Auslegung des geltenden EU-Rechts anrief (BGH, Beschluss v. 12.4.2018, Az. <a title=\"I ZR 253\/16 (2 zugeordnete Entscheidungen)\" href=\"https:\/\/dejure.org\/dienste\/vernetzung\/rechtsprechung?Text=I%20ZR%20253\/16\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">I ZR 253\/16)<\/a> Auch hier waren die Richter einhelliger Meinung: Die Bezeichung &#8220;Aceto Balsamico&#8221; stelle lediglich die Gattung des Produkts dar: &#8220;Aceto&#8221; als Essig, und &#8220;Balsamico&#8221; als der charakteristisch leicht s\u00fc\u00dfliche Geschmack. Eine etwaige Verwechslungsgefahr hinsichtlich der Herkunft des Produkts sei mangels des Anhangs &#8220;di Modena&#8221; nicht gegeben. Wir berichteten hier\u00fcber bereits ausf\u00fchrlich:<\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/magazin\/markenrecht\/markenrecht-auch-deutscher-essig-darf-balsamico-heissen\/\">Markenrecht: Auch deutscher Essig darf &#8220;Balsamico&#8221; hei\u00dfen<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>Nun hat sich der Bundesgerichtshof als Revisionsinstanz erneut mit dem Fall besch\u00e4ftigt, und das Urteil des Karlsruher Oberlandesgericht aufgehoben und an dieses zur Entscheidung zur\u00fcckverwiesen (BGH, Urteil v. 28.5.202, Az. <a href=\"https:\/\/dejure.org\/dienste\/vernetzung\/rechtsprechung?Text=I%20ZR%20253\/16\" title=\"I ZR 253\/16 (3 zugeordnete Entscheidungen)\">I ZR 253\/16<\/a>). Zwar sei die Auffassung, der Schutzbereich der geografischen Angabe erstrecke sich nur \u00fcber das dargestellt Ma\u00df, nach wie vor richtig. Allerdings habe sich, so die Richter, das Oberlandesgericht nicht ausreichend mit der Frage nach einer m\u00f6glichen Anspielung im Sinne des Artikel 13 Abs. 1 Unterabs. 1 lit b) der Verordnung \u00fcber Qualit\u00e4tsregeln f\u00fcr Agrarerzeugnisse und <a href=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/thema\/lebensmittelrecht-arzneimittelrecht\/\">Lebensmittel<\/a> (1151\/2012) auseinandergesetzt. In Artikel 13 heisst es:<\/p>\n<blockquote><p>(1) Eingetragene Namen werden gesch\u00fctzt gegen<\/p>\n<p>(a) &#8230;<\/p>\n<p>b) jede widerrechtliche Aneignung, Nachahmung oder <strong>Anspie\u00adlung<\/strong>, selbst wenn der tats\u00e4chliche Ursprung des Erzeugnisses oder der Dienstleistung angegeben ist oder wenn der ge\u00adsch\u00fctzte Name in \u00dcbersetzung oder zusammen mit Ausdr\u00fc\u00adcken wie \u201eArt\u201c, \u201eTyp\u201c, \u201eVerfahren\u201c, \u201eFasson\u201c, \u201eNachahmung\u201c oder dergleichen verwendet wird, auch wenn dieses Erzeug\u00adnis als Zutat verwendet wird;<\/p><\/blockquote>\n<p>Im Einzelnen sei seitens des OLG nicht dargelegt worden, ob unabh\u00e4ngig von der Bezeichnung &#8220;Balsamico&#8221; die Aufmachung (im Einzelnen das <a href=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/thema\/urheberrecht-2\/designrecht\/\">Design<\/a> des Ettikets) der strittigen Essigflaschen selbst unter Umst\u00e4nden eine solche Anspielung darstellen k\u00f6nnte. Entscheidendes Kriterium bei der Frage nach einer Anspielung sei, ob der Verbraucher durch eine streitige Bezeichnung veranlasst wird, einen unmittelbaren gedanklichen Bezug zu der Ware herzustellen, die die gesch\u00fctzte geografische Angabe tr\u00e4gt. Weiter hie\u00df es hierzu in der Urteilsbegr\u00fcndung:<\/p>\n<blockquote><p>Bei der Pr\u00fcfung ist zu ber\u00fccksichtigen, ob die gesch\u00fctzte geografische Angabe in die streitige Bezeichnung teilweise eingeschlossen ist, ob eine klangliche und\/oder visuelle \u00c4hnlichkeit zwischen der gesch\u00fctzten geografischen Angabe und der streitigen Bezeichnungbesteht oder ob -wenn es an den vorgenannten Umst\u00e4nden fehlt -eine inhaltliche N\u00e4he der streitigen Bezeichnung zuder gesch\u00fctzten geografischen Angabe vorliegt. Eine Anspielung kann nicht nur durch Wortbestandteile der streitigen Bezeichnung hervorgerufen werden, sondern auch durch die Verwendung von Bildzeichen, die eine begriffliche N\u00e4he zu einer eingetragenen Bezeichnung aufweisen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Eben diese Kriterien seien seitens der Richter am <a href=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/thema\/verhandlungstrategie-prozesstaktik\/olg-oberlandesgericht\/\">Oberlandesgericht<\/a> der Entscheidung nicht zugrunde gelegt worden. Dass der italienischen Erzeugergemeinschaft aufgrund der Anspielung durch das Design der Essigflaschen letztlich doch ein Unterlassungsanspruch zusteht, k\u00f6nne daher nicht ausgeschlossen werden.<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>Ein Unterlassungsanspruch w\u00fcrde sich hier &#8211; sollte tats\u00e4chlich eine Anspielung vorliegen &#8211; aus \u00a7 135 Abs .1 <a href=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/thema\/markenrecht\/\">Markengesetz<\/a> in Verbindung mit \u00a7 Art. 13 Abs. 1 Unterabs. 1 der Verordnung \u00fcber Qualit\u00e4tsregeln f\u00fcr Agrarerzeugnisse und Lebensmittel (1151\/2012) ergeben. \u00a7 135 <a href=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/thema\/markenrecht\/\">MarkenG<\/a> lautet:<\/p>\n<blockquote><p>(1)Wer im gesch\u00e4ftlichen Verkehr Handlungen vornimmt, die gegen Artikel 13 der Verordnung (EU) Nr. 1151\/2012 versto\u00dfen, kann von den nach <a href=\"https:\/\/dejure.org\/gesetze\/UWG\/8.html\" title=\"&sect; 8 UWG: Beseitigung und Unterlassung\">\u00a7 8 Abs. 3<\/a> des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb zur Geltendmachung von Anspr\u00fcchen Berechtigten bei Wiederholungsgefahr auf Unterlassung in Anspruch genommen werden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das Urteil zeigt also: Selbst die einhellige Feststellung, dass sich &#8211; rein begrifflich &#8211; die gesch\u00fctzte Bezeichnung &#8220;Aceto di Balsamico di Modena&#8221; nicht auf die Einzelbstandteile &#8220;Aceto&#8221; und &#8220;Balsamico&#8221; erstreckt, schlie\u00dft eine Verwechslungsgefahr aus anderen Gr\u00fcnden (neben der Aufmachung des Ettikets kann sich diese beispielsweise auch aus dem Design der Flasche selbst ergeben) nicht aus. Dreh- und Angelpunkt im <a href=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/thema\/markenrecht\/\">Markenrecht<\/a> ist stets die Verwechslungsgefahr, die eben auch durch eine Anspielung hervorgerufen werden kann. Aufgrund der F\u00fclle der m\u00f6glichen Umst\u00e4nde, die ein solche bedingen k\u00f6nnen, sollte vor der Vermarktung von Produkten im Vorfeld daher stets <a href=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/thema\/markenrecht\/verfolgung-von-markenrechtsverstoessen\/\">juristischer Rat<\/a> eingeholt werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Karlsruher Oberlandesgericht hatte bereits 2016 entschieden, dass die in der EU gesch\u00fctzte Herkunftsangabe &#8220;Aceto Balsamico di Modena&#8221; sich nicht auf die Bestandteile &#8220;Aceto&#8221; und &#8220;Balsamico&#8221; erstreckt. Diese Bezeichnungen durften demnach auch von anderen Unternehmen verwendet werden. Der BGH hat dieses Urteil nun aufgehoben. 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