{"id":53910,"date":"2020-06-29T07:08:33","date_gmt":"2020-06-29T05:08:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lhr-law.de\/?p=53910"},"modified":"2020-06-29T19:02:38","modified_gmt":"2020-06-29T17:02:38","slug":"olg-dresden-twitter-darf-accounts-nicht-ohne-ausreichenden-grund-sperren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lhr-law.de\/en\/magazin\/social-media-recht\/olg-dresden-twitter-darf-accounts-nicht-ohne-ausreichenden-grund-sperren\/","title":{"rendered":"OLG Dresden: Twitter darf Accounts nicht ohne ausreichenden Grund sperren"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_53916\" aria-describedby=\"caption-attachment-53916\" style=\"width: 457px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" class=\" wp-image-53916\" src=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/twitter-292988_1280-354x207.jpg\" alt=\"\" width=\"457\" height=\"267\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-53916\" class=\"wp-caption-text\">Bild von Thomas Ulrich auf Pixabay<\/figcaption><\/figure>\n<p><em>Einem aktuellen Urteil des Dresdner Oberlandesgericht nach ist es der Plattform Twitter untersagt, Accounts aufgrund bestimmter Beitr\u00e4ge ohne ausreichenden Grund zu sperren. <\/em><\/p>\n<p><em>Nach Ansicht des Mediums hatte der betreffende Tweet zwar gegen die hauseigenen Richtlinien versto\u00dfen. Die Richter sahen diese allerdings als unwirksam an. <\/em><\/p>\n<p><em>Dar\u00fcber hinaus sei der Post ohnehin von der Meinungsfreiheit gedeckt gewesen.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<h2>Covfefe, Bradley Cooper, Corona und Co.<\/h2>\n<p>Der Mediendienst Twitter z\u00e4hlt inzwischen zu den \u00e4ltesten, und nach wie vor am h\u00e4ufigsten genutzten sozialen Plattformen im Netz. Nutzer k\u00f6nnen per Mausklick in kurzen, geschrieben Statements ihre Meinung kundtun. Diese Tweets k\u00f6nnen dann von anderen Lesern weiterverbeitet werden (&#8220;re-tweet&#8221;). Im Laufe der Jahre sind so einige Prunkst\u00fccke des Beitragsolymps zusammengekommen. \u00dcber Ellen de Genres\u00b4 Starensemble in der Oscarnacht \u00fcber Wortkreationen des orange-man in office bis hin zu tats\u00e4chlich inhaltsvollen Corona-News sind die Variationen endlos. Mitte letzten Jahres hatte Twitter nun den Account eines Nutzers gesperrt, nachdem sich dieser in satirischer Weise \u00fcber anstehende politische Wahlen ge\u00e4u\u00dfert hatte. Meinungs\u00e4u\u00dferungen im Netz und deren L\u00f6schung spielen im \u00dcbrigen auch im Rahmen von Bewertungsportalen wie Jameda eine bedeutende Rolle. Als Betroffener ungerechtfertiger negativer Bewertungen finden Sie daher hier Abhilfe:<\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/magazin\/medienrecht-und-persoenlichkeitsrecht\/kostenloser-bewertungs-schnelltest\/\">Der LHR-Bewertungs-Schnelltest<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/kanzlei\/ratgeber-downloads\/lhr-ratgeber-negative-bewertungen-download\/\">LHR-Ratgeber: Negative Bewertungen &#8211; Die 5 gr\u00f6\u00dften Fehler und die 5 besten Reaktionsm\u00f6glichkeiten<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>Einen Ratgeber zur L\u00f6schung von Jameda-Bewertungen finden Sie ausserdem hier:<\/p>\n<p class=\"hs-cta-wrapper\" id=\"hs-cta-wrapper-9907310d-49f5-4b08-8fd2-4369b7e23dd6\"><span class=\"hs-cta-node hs-cta-9907310d-49f5-4b08-8fd2-4369b7e23dd6\" id=\"hs-cta-9907310d-49f5-4b08-8fd2-4369b7e23dd6\"><a href=\"https:\/\/cta-redirect.hubspot.com\/cta\/redirect\/7036071\/9907310d-49f5-4b08-8fd2-4369b7e23dd6\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" class=\"hs-cta-img\" id=\"hs-cta-img-9907310d-49f5-4b08-8fd2-4369b7e23dd6\" style=\"border-width:0px;\" src=\"https:\/\/no-cache.hubspot.com\/cta\/default\/7036071\/9907310d-49f5-4b08-8fd2-4369b7e23dd6.png\"  alt=\"\"><\/a><\/span><\/p><script charset=\"utf-8\" defer src=\"https:\/\/js.hscta.net\/cta\/current.js\"><\/script><script type=\"text\/javascript\">window.addEventListener(\"load\", function () {hbspt.cta.load(7036071, \"9907310d-49f5-4b08-8fd2-4369b7e23dd6\", {});});<\/script>\n<h2>Grundrechte und Gesch\u00e4ftsbedingungen<\/h2>\n<p>Gegen die L\u00f6schung des Beitrags und seines Accounts legte der Betroffene allerdings Klage vor dem Dresdner Landgericht ein. Mit Erfolg: Sowohl erstinstanzlich (LG Dresden, Urteil v. 12. 11. 2019, Az. <a href=\"https:\/\/dejure.org\/dienste\/vernetzung\/rechtsprechung?Text=1a%20O%201056\/19\" title=\"1a O 1056\/19 (2 zugeordnete Entscheidungen)\">1a O 1056\/19<\/a>) als auch vor dem Oberlandesgericht Dresden entschieden die Richter, dass Twitter den Account wieder zu entsperren habe (OLG Dresden, Beschluss v. 07.04.2020, Az. <a href=\"https:\/\/dejure.org\/dienste\/vernetzung\/rechtsprechung?Text=4%20U%202805\/19\" title=\"OLG Dresden, 07.04.2020 - 4 U 2805\/19: Twitter: Klausel &quot;wir sind berechtigt, diese Bedingungen...\">4 U 2805\/19<\/a>).<\/p>\n<p>Nach Ansicht der Plattform selbst habe der Text gegen die im April 2019 aufgestellten Richtlinien zur Integrit\u00e4t von Wahlen versto\u00dfen. Diese Bestimmungen enthielten allerdings folgende Passage:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Wir sind berechtigt, diese Bedingungen gegebenenfalls von Zeit zu Zeit zu \u00fcberarbeiten&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p>Darin sahen die Richter einen Versto\u00df gegen <a href=\"https:\/\/dejure.org\/gesetze\/BGB\/307.html\" title=\"&sect; 307 BGB: Inhaltskontrolle\">\u00a7 307 BGB<\/a> i.V.m. den aus <a href=\"https:\/\/dejure.org\/gesetze\/BGB\/308.html\" title=\"&sect; 308 BGB: Klauselverbote mit Wertungsm&ouml;glichkeit\">\u00a7 308 Nr. 4 und 5 BGB<\/a> abzuleitenden Wertungen. In der Urteilsbegr\u00fcndung hei\u00dft es:<\/p>\n<blockquote><p>Die o. a. Klausel erlaubt nach der ma\u00dfgeblichen kundenfeindlichsten Auslegung Anpassungen nicht nur von einzelnen Details der vertraglichen Beziehungen der Parteien, sondern erm\u00e4chtigt zu jedweder \u00c4nderung der Erkl\u00e4rung der Rechte und Pflichten einschlie\u00dflich der Essentialia des Vertrages, wie der Unentgeltlichkeit und der Pflicht zur Bereitstellung des Dienstes. Der Verwender erh\u00e4lt damit eine Handhabe, das Vertragsgef\u00fcge insgesamt umzugestalten, insbesondere das \u00c4quivalenzverh\u00e4ltnis von Leistungen und Gegenleistungen erheblich zu seinen Gunsten zu verschieben und damit die Position seines Vertragspartners zu entwerten.<\/p><\/blockquote>\n<p>Aber auch unabh\u00e4ngig davon sei der Tweet von der Meinungsfreiheit gedeckt, da sich hier offenkundig auf satirische Weise mit dem Thema der Wahlen befasst worden sei. Die L\u00f6schung des Accounts sei daher rechtswidrig. Im Lichte der mittelbaren Drittwirkung des Grundrechts m\u00fcsse sichergestellt sein, dass derartige Aussagen nicht die Entfernung eines Accounts nach sich ziehen. Die Richter f\u00fchrten aus, dass die Grundrechte die Privaten grunds\u00e4tzlich nicht unmittelbar untereinander selbst verpflichten. Ihnen komme jedoch auch im Hinblick auf\u00a0 privatrechtliche Rechtsbeziehungen eine gewisse Wirkung zu. So seien sie seitens der Fachgerichte, insbesondere \u00fcber zivilrechtliche Generalklauseln und unbestimmte Rechtsbegriffe hinaus, bei der Auslegung des Fachrechtes bei der Entscheidungsfindung miteinzubeziehen.<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>Die L\u00f6schung des Accounts war demnach gleich aus zwei Gr\u00fcnden rechtswidrig: Einerseits wurden die Richtlinien, gegen die angeblich versto\u00dfen wurde, nicht wirksam in den Vertrag zwischen Twitter und dem Kl\u00e4ger miteinbezogen. Und das aus gutem Grund: Klauseln wie &#8220;\u00c4nderungen vorbehalten&#8221;, oder &#8220;einzelne Abschnitte k\u00f6nnen jederzeit ge\u00e4ndert werden&#8221; sind generell unzul\u00e4ssig. Jeder Nutzer, der sich mit allgemeinen Gesch\u00e4ftsbedingungen einverstanden erkl\u00e4rt, muss darauf vertrauen k\u00f6nnen, dass diese auch in der konkreten Form dauerhaft Bestand haben. Schlie\u00dflich haben auch Plattformen wie Twitter die allumfassende (Dritt)-Wirkung der Grundrechte zu beachten. Da der betreffende Tweet in den Schutzbereich der Meinungsfreiheit fiel, musste die L\u00f6schung des Accounts r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einem aktuellen Urteil des Dresdner Oberlandesgericht nach ist es der Plattform Twitter untersagt, Accounts aufgrund bestimmter Beitr\u00e4ge ohne ausreichenden Grund zu sperren. Nach Ansicht des Mediums hatte der betreffende Tweet zwar gegen die hauseigenen Richtlinien versto\u00dfen. 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[&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":56,"featured_media":53916,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"content-type":"","footnotes":""},"categories":[1229],"tags":[16,128,546],"class_list":["post-53910","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-social-media-recht","tag-twitter","tag-loschung","tag-meinungsfreiheit","topic_category-medienrecht-persoenlichkeitsrecht"],"amp_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.lhr-law.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/53910","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.lhr-law.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.lhr-law.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lhr-law.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/56"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lhr-law.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=53910"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.lhr-law.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/53910\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lhr-law.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/53916"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.lhr-law.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=53910"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lhr-law.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=53910"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lhr-law.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=53910"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}