{"id":52276,"date":"2020-03-28T03:12:47","date_gmt":"2020-03-28T02:12:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lhr-law.de\/?p=52276"},"modified":"2020-05-22T01:48:56","modified_gmt":"2020-05-21T23:48:56","slug":"eugh-kippt-rechtsprechung-des-bgh-viele-verbraucherkreditvertraege-nun-widerrufbar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lhr-law.de\/en\/magazin\/wettbewerbsrecht-kartellrecht\/eugh-kippt-rechtsprechung-des-bgh-viele-verbraucherkreditvertraege-nun-widerrufbar\/","title":{"rendered":"EuGH kippt BGH-Urteil: Viele Verbraucherkreditvertr\u00e4ge nun widerrufbar"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_52295\" aria-describedby=\"caption-attachment-52295\" style=\"width: 372px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" class=\" wp-image-52295\" src=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Widerruf-Verbraucherkredit.jpg\" alt=\"\" width=\"372\" height=\"558\" srcset=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Widerruf-Verbraucherkredit.jpg 409w, https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Widerruf-Verbraucherkredit-276x414.jpg 276w, https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Widerruf-Verbraucherkredit-138x207.jpg 138w\" sizes=\"(max-width: 372px) 100vw, 372px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-52295\" class=\"wp-caption-text\">Photo by Markus Spiske on Unsplash<\/figcaption><\/figure>\n<p><i>Der EuGH hat\u00a0aktuell entscheiden (<\/i><em><a href=\"http:\/\/curia.europa.eu\/juris\/document\/document.jsf?text=&amp;docid=224723&amp;pageIndex=0&amp;doclang=DE&amp;mode=lst&amp;dir=&amp;occ=first&amp;part=1&amp;cid=909939\">EuGH, Urteil vom 26.03.2020 &#8211; C-66\/19<\/a>), <\/em><em>dass sich aus Verbraucherkreditvertr\u00e4gen die Berechnung der Widerrufsfrist klar und pr\u00e4gnant ergeben muss. <\/em><\/p>\n<p><em>Damit kippt er die Rechtsprechung des BGH aus dem Jahr 2016. Zugleich stellt er eine Voraussetzung auf, die alle in Deutschland ab dem 11. Juni 2010 geschlossen Verbrauchervertr\u00e4ge nicht erf\u00fcllen. Diese k\u00f6nnten nun frei widerrufbar sein. Ein Urteil, das Sensationspotential birgt. <\/em><\/p>\n<h2>Sachverhalt<\/h2>\n<p>Im Jahre 2012 schloss ein Verbraucher bei der Kreissparkasse Saarlouis einen grundpfandrechtlich gesicherten Darlehensvertrag \u00fcber 100.000 \u20ac mit einem bis zum 30. November 2021 gebundenen Sollzinssatz von 3,61 % pro Jahr. Ziffer 14 des Vertrags enthielt folgende Bestimmung:<\/p>\n<p>\u201eWiderrufsrecht<\/p>\n<p>Der Darlehnsnehmer kann seine Vertragserkl\u00e4rung innerhalb von 14 Tagen ohne Angabe von Gr\u00fcnden in Textform (z.\u00a0B. Brief, Fax, E\u2011Mail) widerrufen. Die Frist beginnt nach Abschluss des Vertrags, aber erst, nachdem der Darlehnsnehmer alle Pflichtangaben nach <a href=\"https:\/\/dejure.org\/gesetze\/BGB\/492.html\" title=\"&sect; 492 BGB: Schriftform, Vertragsinhalt\">\u00a7\u00a0492 Abs.\u00a02 BGB<\/a> (z.\u00a0B. Angaben zur Art des Darlehens, Angaben zum Nettodarlehensbetrag, Angabe zur Vertragslaufzeit) erhalten hat.\u201c<\/p>\n<p>Die Pflichtangaben selbst sind in <a href=\"https:\/\/dejure.org\/gesetze\/BGB\/492.html\" title=\"&sect; 492 BGB: Schriftform, Vertragsinhalt\">\u00a7 492 Abs. 2 BGB<\/a> nicht erhalten. Stattdessen verweist die Norm auf <a href=\"https:\/\/dejure.org\/gesetze\/EGBGB\/247.html\" title=\"Art. 247 EGBGB: Informationspflichten bei Verbraucherdarlehensvertr&auml;gen, entgeltlichen Finanzierungshilfen und Darlehensvermittlungsvertr&auml;gen\">Artikel 247<\/a> \u00a7\u00a7 6 bis <a href=\"https:\/\/dejure.org\/gesetze\/EGBGB\/13.html\" title=\"Art. 13 EGBGB: Eheschlie&szlig;ung\">13 EGBGB<\/a> und damit auf eine Vielzahl weiterer Vorschriften, die ihrerseits auf weitere Vorschriften verweisen (sog. Kaskadenverweisung).<\/p>\n<p class=\"hs-cta-wrapper\" id=\"hs-cta-wrapper-255b5411-40d0-444f-9f11-b911602ed9f4\"><span class=\"hs-cta-node hs-cta-255b5411-40d0-444f-9f11-b911602ed9f4\" id=\"hs-cta-255b5411-40d0-444f-9f11-b911602ed9f4\"><a href=\"https:\/\/cta-redirect.hubspot.com\/cta\/redirect\/7036071\/255b5411-40d0-444f-9f11-b911602ed9f4\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" class=\"hs-cta-img\" id=\"hs-cta-img-255b5411-40d0-444f-9f11-b911602ed9f4\" style=\"border-width:0px;\" src=\"https:\/\/no-cache.hubspot.com\/cta\/default\/7036071\/255b5411-40d0-444f-9f11-b911602ed9f4.png\"  alt=\"\"><\/a><\/span><\/p><script charset=\"utf-8\" defer src=\"https:\/\/js.hscta.net\/cta\/current.js\"><\/script><script type=\"text\/javascript\">window.addEventListener(\"load\", function () {hbspt.cta.load(7036071, \"255b5411-40d0-444f-9f11-b911602ed9f4\", {});});<\/script>\n<p>Am 30. Januar 2016 erkl\u00e4rte der Verbraucher gegen\u00fcber der Kreissparkasse Saarlouis schriftlich den Widerruf seiner Vertragserkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Die Kreissparkasse stand auf dem Standpunkt, dass sie den Verbraucher ordnungsgem\u00e4\u00df \u00fcber sein Widerrufsrecht belehrt habe und dass die Widerrufsfrist deswegen abgelaufen sei.<\/p>\n<p>In der Folge erhob der Verbraucher Klage beim Landgericht Saarbr\u00fccken. Um die Frage zu beantworten, ob eine ordnungsgem\u00e4\u00dfe Widerrufsbelehrung erfolgt ist, bat das <a href=\"https:\/\/www.wmrecht.de\/wmiv\/inhaltsverzeichnis\/2019\/31\">Landgericht Saarbr\u00fccken, EuGH-Vorlage vom 17.01.2019 &#8211; 1 O 164\/18<\/a>,\u00a0 den EuGH in einem Vorabentscheidungsverfahren um Auslegung der Richtlinie \u00fcber Verbraucherkreditvertr\u00e4ge (RL 2008\/48\/EG).<\/p>\n<h2>Zul\u00e4ssigkeit des Vorabentscheidungsverfahrens<\/h2>\n<p>Das LG Saarbr\u00fccken machte darauf aufmerksam, dass die in Rede stehende Richtlinie nicht f\u00fcr grundpfandrechtlich gesicherte Kreditvertr\u00e4ge gelte. Der deutsche Gesetzgeber habe jedoch von der M\u00f6glichkeit Gebrauch gemacht, den Anwendungsbereich der Richtlinie auf diesen Fall auszuweiten. Aus diesem Grund hielt es den EuGH f\u00fcr zust\u00e4ndig und eine Auslegung der Richtlinie f\u00fcr erforderlich. Der EuGH teilte die Ansicht. Es bestehe ein klares Interesse der Union an einer einheitlichen Auslegung. Eine Vermutung spreche f\u00fcr die Entscheidungserheblichkeit der Fragen. Diese l\u00e4sst sich nach Ansicht des Gerichts auch nicht widerlegen.<\/p>\n<h2>Entscheidung des EuGH<\/h2>\n<p>Der EuGH nahm in seinem Urteil auf Art. 10 Abs. 2 Buchst. p) der Richtlinie Bezug, wonach im Kreditvertrag \u201ein klarer, pr\u00e4gnanter Form\u201c unter anderem die Frist und die anderen Modalit\u00e4ten f\u00fcr die Aus\u00fcbung des Widerrufsrechts anzugeben sind. Unter die Vorschrift fallen nach Ansicht der Richter auch die Voraussetzungen f\u00fcr den Beginn des Widerrufsrechts. Andernfalls w\u00fcrde die Wirksamkeit des Widerrufsrechts ernsthaft geschw\u00e4cht werden.<\/p>\n<p>Nach Ansicht des EuGH wird die in Streit stehende Klausel diesen Anforderungen nicht gerecht. Mit anderen Worten: Aus ihr ergibt sich nicht klar und pr\u00e4gnant der Beginn der Widerrufsfrist. Der Verbraucher k\u00f6nne auf der Grundlage des Vertrags\u00a0 weder den Umfang seiner vertraglichen Verpflichtungen bestimmen noch \u00fcberpr\u00fcfen, ob der von ihm abgeschlossene Vertrag alle erforderlichen Angaben erhalte, und erst recht nicht, ob die Widerrufsfrist f\u00fcr ihn zu laufen begonnen hat.<\/p>\n<h2>Konsequenzen des Urteils: tausende Vertr\u00e4ge sind in der Schwebe<\/h2>\n<p>Brisant ist das Urteil vor allem deshalb, weil es im Widerspruch zu einem Urteil des BGH aus dem Jahr 2016 steht (<a href=\"https:\/\/juris.bundesgerichtshof.de\/cgi-bin\/rechtsprechung\/document.py?Gericht=bgh&amp;Art=en&amp;nr=77441&amp;pos=0&amp;anz=1\">BGH, Urteil vom 22.11.2016 &#8211; XI ZR 434\/15<\/a>). Dieser war der Ansicht, dass die Klausel klar und verst\u00e4ndlich \u00fcber den Beginn der Widerrufsfrist informiere. Diese Rechtsprechung wurde nun vom EuGH gekippt.<\/p>\n<p>Ein Urteil, das exorbitante Auswirkungen haben k\u00f6nnte. Entsprechende Klauseln befinden sich n\u00e4mlich in allen Verbraucherdarlehensvertr\u00e4gen, die ab dem 11. Juni 2010 geschlossen wurden. Wie die <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/eugh-urteil-kreditvertraege-1.4857998\">S\u00fcddeutsche Zeitung<\/a> berichtet, k\u00f6nnten fast 20 Millionen Autokredit- und Leasing-Vertr\u00e4ge mit einem Volumen von 340 Milliarden Euro betroffen sein. Neue T\u00fcren k\u00f6nnten sich jetzt vor allem f\u00fcr Kunden \u00f6ffnen, die Opfer des Dieselskandals wurden. Bei den privaten Baukrediten soll es sogar um eine Darlehenssumme von 1,2 Billionen gehen. Betroffenen bietet sich hier die M\u00f6glichkeit nach Widerruf ihrer Vertragserkl\u00e4rung einen Vertrag mit g\u00fcnstigeren Zinsen abzuschlie\u00dfen oder sich vom Vertrag zu l\u00f6sen ohne eine Vorf\u00e4lligkeitsentsch\u00e4digung zahlen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p class=\"hs-cta-wrapper\" id=\"hs-cta-wrapper-3bc1aaab-af42-46f9-b3aa-5bffb05ce7e3\"><span class=\"hs-cta-node hs-cta-3bc1aaab-af42-46f9-b3aa-5bffb05ce7e3\" id=\"hs-cta-3bc1aaab-af42-46f9-b3aa-5bffb05ce7e3\"><a href=\"https:\/\/cta-redirect.hubspot.com\/cta\/redirect\/7036071\/3bc1aaab-af42-46f9-b3aa-5bffb05ce7e3\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" class=\"hs-cta-img\" id=\"hs-cta-img-3bc1aaab-af42-46f9-b3aa-5bffb05ce7e3\" style=\"border-width:0px;\" src=\"https:\/\/no-cache.hubspot.com\/cta\/default\/7036071\/3bc1aaab-af42-46f9-b3aa-5bffb05ce7e3.png\"  alt=\"\"><\/a><\/span><\/p><script charset=\"utf-8\" defer src=\"https:\/\/js.hscta.net\/cta\/current.js\"><\/script><script type=\"text\/javascript\">window.addEventListener(\"load\", function () {hbspt.cta.load(7036071, \"3bc1aaab-af42-46f9-b3aa-5bffb05ce7e3\", {});});<\/script>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der EuGH hat\u00a0aktuell entscheiden (EuGH, Urteil vom 26.03.2020 &#8211; C-66\/19), dass sich aus Verbraucherkreditvertr\u00e4gen die Berechnung der Widerrufsfrist klar und pr\u00e4gnant ergeben muss. 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