{"id":51501,"date":"2020-02-06T07:10:02","date_gmt":"2020-02-06T06:10:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lhr-law.de\/?p=51501"},"modified":"2020-02-04T12:10:22","modified_gmt":"2020-02-04T11:10:22","slug":"auch-auf-deutsch-facebook-versteht-dich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lhr-law.de\/en\/magazin\/verhandlungsstrategie-prozesstaktik\/auch-auf-deutsch-facebook-versteht-dich\/","title":{"rendered":"Auch auf Deutsch: Facebook versteht Dich!"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_51656\" aria-describedby=\"caption-attachment-51656\" style=\"width: 489px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-51656 \" src=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Facebook-versteht-Deutsch.jpg\" alt=\"\" width=\"489\" height=\"326\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-51656\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Wayhome Studio &#8211; Adobe Stock<\/figcaption><\/figure>\n<p>Gottfried Wilhelm Leibniz war ein schlaues Kerlchen. Wenn er ein Problem sah, dachte er \u00fcber die L\u00f6sung nach. Und oft genug fand er sie.<\/p>\n<p>Als Jurist und Diplomat des ausgehenden 17. Jahrhunderts hatte er viel mit Sprache zu tun \u2013 und dabei mit vielen Sprachen. An der Uni lehrte man (immer noch) auf Latein, an den H\u00f6fen parlierte man Franz\u00f6sisch, in der Oper wurde auf Italienisch gesungen, auf der Stra\u00dfe sprach man Deutsch (in all seinen sch\u00f6nen Dialekten).<\/p>\n<p>Nicht, dass das f\u00fcr Leibniz irgendein Problem gewesen w\u00e4re, er war \u2013 wie gesagt \u2013 nicht auf den Kopf gefallen. Da er ab und zu mit Newton chattete, konnte er auch noch Englisch. Griechisch sowieso.<\/p>\n<h2>Erz\u00e4hlen nach Zahlen<\/h2>\n<p>In der Vielsprachigkeit entsteht ein Wirrwarr an Begriffen und Konzepten, das Leibniz \u2013 nebenbei auch Philosoph und Theologe \u2013 gest\u00f6rt haben muss. Da er auch Mathematiker war, dachte er daran, die Sprache \u2013 als situativ zu deutendes System von W\u00f6rtern und Wendungen \u2013 durch ein System von logisch verkn\u00fcpften Zeichen zu ersetzen, das jede und jeder verstehen kann und auch in eindeutiger Weise versteht \u2013 Missverst\u00e4ndnisse ausgeschlossen. \u201eCharacteristica universalis\u201c nannte er sein Projekt. Fragen der internationalen Diplomatie und andere Rechtsprobleme und Meinungsverschiedenheiten sollten nicht mehr besprochen, sondern berechnet werden: Die \u201eangemessenen Charaktere oder Zeichen\u201c, so der Gelehrte, \u201edr\u00fccken alle unsere Gedanken aus\u201c.<\/p>\n<p>Sie ahnen es: Mit diesem Projekt scheiterte Leibniz (immerhin fand er im Zuge seines Versuchs, alles auf einfachste Formen herunterzubrechen, den Bin\u00e4rcode \u2013 Grundlage der Digitaltechnik \u2013, aber das ist eine andere Geschichte). Sprache funktioniert <em>so<\/em> nicht. Gleichwohl: Die Idee mit der allgemein verst\u00e4ndlichen Universalsprache auf Zeichenbasis wurde seitdem immer mal wieder aufgegriffen. Zum Beispiel Anfang des 20. Jahrhunderts vom Berliner Architekten Tiemer, der im R\u00fcckgriff auf universal verwendete Zeichen, n\u00e4mlich Zahlen, sein \u201eTimerio\u201c entwickelte. \u201eIch liebe dich\u201c hei\u00dft dann \u201e1-80-2\u201c \u2013 \u201e1\u201c bedeutet \u201eich, mich\u201c, \u201e80\u201c hei\u00dft \u201eLiebe, lieben\u201c und die \u201e2\u201c steht f\u00fcr \u201edu, dich\u201c. Ganz einfach.[*]\n<h2>Nat\u00fcrliche Sprachen sind nat\u00fcrlicher<\/h2>\n<p>Durchgesetzt hat sich auch diese Art der Kommunikation nicht, zahlenbasierte Kunstsprachen sind zum Scheitern verurteilt, auch in ihren \u201elight\u201c-Varianten, den so genannten Plansprachen (die bekannteste ist wohl \u201eEsperanto\u201c). So edel ihr Anliegen \u2013 die Welt von Unverst\u00e4ndnis zu befreien \u2013, so klar und deutlich ihr Scheitern an der Lebenswirklichkeit. Nat\u00fcrliche Sprachen sind eben doch \u2013 nat\u00fcrlicher. Verst\u00e4ndnisschwierigkeiten, Denkfehler und Missverst\u00e4ndnisse eingeschlossen.<\/p>\n<p>Und so m\u00fcssen grenz\u00fcberschreitende Rechtsangelegenheiten auch weiterhin in nat\u00fcrlichen Sprachen geregelt werden. Da man aber verstehen k\u00f6nnen soll, was Inhalt einer Sache ist, muss sichergestellt sein, dass die Parteien in den nat\u00fcrlichen Sprachen miteinander kommunizieren, die f\u00fcr sie beide gleicherma\u00dfen verst\u00e4ndlich sind. Was als verst\u00e4ndliche Sprache vorausgesetzt werden kann, muss im Einzelfall gekl\u00e4rt werden.<\/p>\n<h2>K\u00f6ln und D\u00fcsseldorf sind sich einig<\/h2>\n<p>Gleich zweimal binnen k\u00fcrzester Zeit wurde dies f\u00fcr den in Irland ans\u00e4ssigen <a href=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/magazin\/social-media-recht\/facebook-spricht-deutsch-equal-goes-it-loose\">Facebook-Konzern gekl\u00e4rt, vom Oberlandesgericht K\u00f6ln<\/a> (OLG K\u00f6ln, Beschluss v. 09.05.2019, Az. <a href=\"https:\/\/dejure.org\/dienste\/vernetzung\/rechtsprechung?Text=15%20W%2070\/18\" title=\"15 W 70\/18 (2 zugeordnete Entscheidungen)\">15 W 70\/18<\/a>) und vom Oberlandesgericht D\u00fcsseldorf (OLG D\u00fcsseldorf, Beschluss v. 18.12.2019, Az. <a href=\"https:\/\/dejure.org\/dienste\/vernetzung\/rechtsprechung?Text=I-7%20W%2066\/19\" title=\"OLG D&uuml;sseldorf, 18.12.2019 - 7 W 66\/19: Zustellung einer einstweiligen Verf&uuml;gung an einen ausl&auml;...\">I-7 W 66\/19<\/a>). Und wenn sich K\u00f6ln und D\u00fcsseldorf schon mal einig sind, sollte man das ernst nehmen. Ergo: Facebook kann deutsch. Daher muss das Unternehmen auch eine einstweilige Verf\u00fcgung in deutscher Sprache akzeptieren. F\u00fcr das Sprachverst\u00e4ndnis, so der 7. Zivilsenat des OLG D\u00fcsseldorf, komme es n\u00e4mlich nicht auf den Sitz, sondern auf die Organisation des Unternehmens insgesamt an. Facebook verf\u00fcge in Deutschland \u00fcber viele Nutzer, denen die Plattform vollst\u00e4ndig in deutscher Sprache zur Verf\u00fcgung gestellt werde. Auch die dabei verwendeten vertraglichen Dokumente seien in deutscher Sprache gehalten, einschlie\u00dflich juristischer Wendungen und Begriffe. Sich, wenn es unangenehm wird, auf den bequemen Standpunkt zur\u00fcckzuziehen, man verstehe kein Deutsch, \u00fcberzeugt dann eben nicht.<\/p>\n<p>Beruhigend zu wissen, dass man mit dem Unternehmen Facebook nicht in dessen \u2013 eingedenk des europ\u00e4ischen Firmensitzes Dublin \u2013 ureigener Sprache kommunizieren muss. Das w\u00e4re dann Gaeilge, eine Variante des G\u00e4lischen.Alles klar, \u201eAghaidh Leabhar\u201c[**]?<\/p>\n<h4>Anmerkungen:<\/h4>\n[*] Nun, ja: Nicht so ganz. Die Schwierigkeit liegt zum einen in der begrenzten Zahl an Begriffen und damit in einer sehr limitierten Ausdrucksm\u00f6glichkeit, zum anderen im grammatikalischen Detail. Wie lassen sich temporale Variationen des Pr\u00e4dikats darstellen (\u201eIch liebte dich\u201c, \u201eIch werde dich lieben\u201c), wie die verschiedenen Wortarten, die aus einem Grundbegriff gewonnen werden, also \u201eLiebe\u201c (Substantiv), \u201elieben\u201c (Verb), \u201elieb\u201c (Adjektiv bzw. Adverb)? Tiemer behalf sich mit erg\u00e4nzenden Zeichen: Um etwa die Vergangenheit eines Sachverhalts auszudr\u00fccken, wird die \u201ePr\u00e4dikatszahl\u201c unterstrichen (\u201e<u>80<\/u>\u201c, \u201eliebte\u201c), f\u00fcr die Zukunftsform wird ein Strich \u00fcber die Zahl gezogen (\u201e<span style=\"text-decoration: line-through;\">80<\/span>\u201c, \u201ewerde lieben\u201c). Wortartvarianten werden mit spitzen Klammern markiert (\u201e&lt;\u201c und \u201e&gt;\u201c, Beispiel: \u201e1673\u201c, \u201eFarbe\u201c; \u201e&gt;1673\u201c, \u201efarbig\u201c; \u201e1673&lt;\u201c, \u201ef\u00e4rben\u201c). Der Plural wird durch eine hochgestellte Zwei dargestellt (\u201e980\u201c, \u201eBrief\u201c; \u201e980\u00b2\u201c, \u201eBriefe\u201c). Die Steigerung von Adjektiven wird durch nachgestellte Sternchen verdeutlicht: \u201e164\u201c bedeutet \u201egro\u00df\u201c, \u201e164*\u201c entsprechend \u201egr\u00f6\u00dfer\u201c und \u201e164***\u201c hei\u00dft \u201eam gr\u00f6\u00dften\u201c. Die Deklination der Nomen erfolgt dadurch, dass die Fallzahl als r\u00f6mische Ziffer angeh\u00e4ngt wird, z.B. \u201e80 II\u201c f\u00fcr den Genitiv von \u201eLiebe\u201c. Auch f\u00fcr die Verwendung von Zahlen in ihrem eigentlichen Sinne, n\u00e4mlich als <em>Zahlen<\/em>, hat Tiemer vorgesorgt: Sie werden in Klammern gesetzt \u2013 \u201e(1)\u201c bedeutet tats\u00e4chlich \u201eeins\u201c (und nicht \u201eich\u201c).<\/p>\n[**] \u201eAghaidh\u201c ist das Gaeilge-Wort f\u00fcr \u201eface\u201c und \u201eLeabhar\u201c sagt der Ire f\u00fcr \u201ebook\u201c.<\/p>\n<p><em>Der Beitrag stammt von unserem freien Autor Josef Bordat. Er ist Teil unserer Reihe \u201cBerichte aus der Parallelwelt\u201d. Dort werfen Autoren aus anderen Fachbereichen einen Blick auf die Rechtswissenschaft in Theorie und Praxis. Die Beitr\u00e4ge betrachten, anders als unsere sonstigen Fachbeitr\u00e4ge Begebenheiten und Rechtsf\u00e4lle daher auch nicht juristisch, sondern aus einem v\u00f6llig anderen Blickwinkel. Aus welchem, das soll der Beurteilung der Leser \u00fcberlassen bleiben. Interessant wird es, wie wir meinen, allemal.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gottfried Wilhelm Leibniz war ein schlaues Kerlchen. Wenn er ein Problem sah, dachte er \u00fcber die L\u00f6sung nach. Und oft genug fand er sie. Als Jurist und Diplomat des ausgehenden 17. Jahrhunderts hatte er viel mit Sprache zu tun \u2013 und dabei mit vielen Sprachen. 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