{"id":51249,"date":"2020-02-01T15:06:58","date_gmt":"2020-02-01T14:06:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lhr-law.de\/?p=51249"},"modified":"2020-02-01T15:06:58","modified_gmt":"2020-02-01T14:06:58","slug":"der-wert-der-bewertung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lhr-law.de\/en\/magazin\/medienrecht-und-persoenlichkeitsrecht\/der-wert-der-bewertung\/","title":{"rendered":"Der Wert der Bewertung"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-51250\" src=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/PNG-Bild-510x620.png\" alt=\"Yelp Bewertungen \" width=\"291\" height=\"354\" srcset=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/PNG-Bild-510x620.png 510w, https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/PNG-Bild-341x414.png 341w, https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/PNG-Bild-170x207.png 170w, https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/PNG-Bild-768x934.png 768w, https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/PNG-Bild.png 821w\" sizes=\"(max-width: 291px) 100vw, 291px\" \/>Es ist manchmal schier zum Verzweifeln: Da schreibt eine Person eine ausf\u00fchrliche <a href=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/thema\/reputationsmanagement\/schlechte-bewertungen-loeschen-lassen\">Bewertung<\/a> eines Produkts, legt die Gr\u00fcnde f\u00fcr ihr Urteil dar, w\u00e4gt ab und kommt so zu einer Punktzahl zwischen 1 (sehr schlecht) und 5 (sehr gut).<\/p>\n<p>Eine andere Person vergibt kommentarlos ihre Punkte oder verbalisiert nur das Gesamturteil (\u201eSehr schlechtes Produkt!\u201c \u2013 1 Stern).<\/p>\n<p>Um diese Schieflage zu umgehen, haben einige Portale die M\u00f6glichkeit eingef\u00fchrt, die Bewertungen selbst zu bewerten (als \u201en\u00fctzlich\u201c oder \u201eempfehlenswert\u201c). Damit verlagert man freilich das Problem nur auf eine Meta-Ebene, denn auch Bewertungen von Bewertungen k\u00f6nnen mehr oder minder stichhaltig begr\u00fcndet sein.<\/p>\n<p>Das Bewertungsportal \u201eYelp.de\u201c nutzt zur Einstufung der Bewertungen eine Software und ber\u00fccksichtigt dann nur die dabei als \u201eempfohlen\u201c herausgefilterten Bewertungen f\u00fcr das Gesamturteil in Gestalt der eingeblendeten Punktzahl. Der Algorithmus zieht zur Einsch\u00e4tzung der G\u00fcte einer Bewertung \u201emehrere Faktoren in Betracht, wie z.B. die Qualit\u00e4t, die Vertrauensw\u00fcrdigkeit und die bisherige Aktivit\u00e4t des Users auf Yelp\u201c. Dieses automatisierte Verfahren war Gegenstand einer langen rechtlichen Auseinandersetzung, die am 14. Januar mit einer Entscheidung des Bundesgerichtshofs endete (BGH, Urteil v. 14.01.2020, Az. <a href=\"https:\/\/dejure.org\/dienste\/vernetzung\/rechtsprechung?Text=VI%20ZR%20496\/18\" title=\"BGH, 14.01.2020 - VI ZR 496\/18: Zur Zul&auml;ssigkeit der Bewertungsdarstellung von Unternehmen auf ...\">VI ZR 496\/18<\/a>).<\/p>\n<h2>Empfohlen oder nicht empfohlen \u2013 das ist hier die Frage<\/h2>\n<p>Die Kl\u00e4gerin betreibt ein Fitness-Studio, das vor sechs Jahren (so lange l\u00e4uft die Sache) eine durchschnittliche Bewertung von drei Sternen erhielt, obgleich es zahlreiche positive Bewertungen gab, die aber \u2013 als \u201emomentan nicht empfohlen\u201c \u2013 unber\u00fccksichtigt geblieben waren. Nach Auffassung der Kl\u00e4gerin hat die Beklagte, also \u201eYelp.de\u201c, den unzutreffenden Eindruck erweckt, dass der Bewertungsdurchschnitt aller Beitr\u00e4ge angezeigt worden sei. Die Unterscheidung zwischen empfohlenen und momentan nicht empfohlenen Beitr\u00e4gen sei willk\u00fcrlich und nicht anhand nachvollziehbarer Kriterien erfolgt, wodurch ein verzerrtes und unrichtiges Gesamtbild entstehe.<\/p>\n<h2>BGH weist OLG-Entscheid zur\u00fcck und stellt LG-Urteil wieder her<\/h2>\n<p>Das Landgericht M\u00fcnchen hat die Klage abgewiesen (LG M\u00fcnchen I, 12.02.2016, Az. <a href=\"https:\/\/dejure.org\/dienste\/vernetzung\/rechtsprechung?Text=25%20O%2024646\/14\" title=\"25 O 24646\/14 (2 zugeordnete Entscheidungen)\">25 O 24646\/14<\/a>;\u00a0Formale Korrektur: LG M\u00fcnchen I, 31.03.2016 &#8211; <a href=\"https:\/\/dejure.org\/dienste\/vernetzung\/rechtsprechung?Text=25%20O%2024646\/14\" title=\"25 O 24646\/14 (2 zugeordnete Entscheidungen)\">25 O 24646\/14<\/a>). Das Oberlandesgericht M\u00fcnchen hat dieses Urteil aufgehoben und der Klage insoweit stattgegeben, als es die Beklagte verurteilte, es zu unterlassen, auf ihrer Internetseite f\u00fcr das Fitness-Studio eine Gesamtbewertung oder eine Gesamtzahl der Bewertungen auszuweisen, ohne dass darin die \u201emomentan nicht empfohlenen\u201c Bewertungen einbezogen sind (OLG M\u00fcnchen, 13.11.2018, Az. <a href=\"https:\/\/dejure.org\/dienste\/vernetzung\/rechtsprechung?Text=18%20U%201282\/16\" title=\"OLG M&uuml;nchen, 13.11.2018 - 18 U 1282\/16: Haftung f&uuml;r Bewertung auf Internetplattform\">18 U 1282\/16<\/a> Pre). Die Beklagte ging daraufhin in Revision.<\/p>\n<p>Der VI. Zivilsenat des BGH hat nun das urspr\u00fcngliche Landgerichtsurteil wiederhergestellt. Dem \u201eunvoreingenommenen und verst\u00e4ndigen Nutzer\u201c des Bewertungsportals sei die Erkenntnis zuzutrauen, dass sich die Durchschnittsberechnung nur auf die \u201eempfohlenen\u201c Bewertungen bezieht. Somit liege kein Versto\u00df gegen <a href=\"https:\/\/dejure.org\/gesetze\/BGB\/823.html\" title=\"&sect; 823 BGB: Schadensersatzpflicht\">\u00a7 823 Abs. 1 BGB<\/a> oder <a href=\"https:\/\/dejure.org\/gesetze\/BGB\/824.html\" title=\"&sect; 824 BGB: Kreditgef&auml;hrdung\">\u00a7\u00a0824 Abs. 1 BGB<\/a>\u00a0vor.<\/p>\n<h2>Wie misst man Qualit\u00e4t und Vertrauensw\u00fcrdigkeit?<\/h2>\n<p>Damit gilt: Die Anzeige des Bewertungsdurchschnitts und der Einstufung von Nutzerbewertungen als \u201eempfohlen\u201c oder \u201enicht empfohlen\u201c sind durch die Berufs- und die Meinungsfreiheit gesch\u00fctzt. Offenbar auch dann, wenn diese Einstufung mit einem Algorithmus erfolgt, nach Kriterien, die zirkul\u00e4r klingen und daher nicht restlos \u00fcberzeugen. Denn die Qualit\u00e4t und die Vertrauensw\u00fcrdigkeit einer aktuellen Bewertung mit der Qualit\u00e4t, der Vertrauensw\u00fcrdigkeit und der bisherigen Aktivit\u00e4t des Users zu begr\u00fcnden, k\u00f6nnte am Ende etwas ganz anderes begr\u00fcnden: ein geschlossenes System, in das neue Nutzer ohne Referenzen \u2013 ungeachtet der fachlichen G\u00fcte ihrer Evaluation \u2013 nur schwer eindringen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>Der Beitrag stammt von unserem freien Autor Josef Bordat. Er ist Teil unserer Reihe \u201cBerichte aus der Parallelwelt\u201d. Dort werfen Autoren aus anderen Fachbereichen einen Blick auf die Rechtswissenschaft in Theorie und Praxis. Die Beitr\u00e4ge betrachten, anders als unsere sonstigen Fachbeitr\u00e4ge Begebenheiten und Rechtsf\u00e4lle daher auch nicht juristisch, sondern aus einem v\u00f6llig anderen Blickwinkel. Aus welchem, das soll der Beurteilung der Leser \u00fcberlassen bleiben. Interessant wird es, wie wir meinen, allemal.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist manchmal schier zum Verzweifeln: Da schreibt eine Person eine ausf\u00fchrliche Bewertung eines Produkts, legt die Gr\u00fcnde f\u00fcr ihr Urteil dar, w\u00e4gt ab und kommt so zu einer Punktzahl zwischen 1 (sehr schlecht) und 5 (sehr gut). 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