{"id":50807,"date":"2019-12-23T07:21:10","date_gmt":"2019-12-23T06:21:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lhr-law.de\/?p=50807"},"modified":"2020-07-17T02:47:12","modified_gmt":"2020-07-17T00:47:12","slug":"jameda-schwarmschwachsinn-und-psychotherapie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lhr-law.de\/en\/magazin\/medienrecht-und-persoenlichkeitsrecht\/jameda-schwarmschwachsinn-und-psychotherapie\/","title":{"rendered":"Jameda, Schwarmschwachsinn und Psychotherapie"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_50843\" aria-describedby=\"caption-attachment-50843\" style=\"width: 474px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-50843\" src=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Lemminge-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"474\" height=\"289\" srcset=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Lemminge-scaled.jpg 2048w, https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Lemminge-678x414.jpg 678w, https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Lemminge-620x379.jpg 620w, https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Lemminge-768x469.jpg 768w, https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Lemminge-1536x938.jpg 1536w\" sizes=\"(max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-50843\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 aleutie &#8211; Adobe Stock<\/figcaption><\/figure>\n<p>Heute kennt man von allem den Preis, von nichts den Wert. Das bekannte kulturpessimistische Bonmot Oscar Wildes aus dem Drama Lady Windermeres F\u00e4cher (1892 uraufgef\u00fchrt), konnte lange als Kristallisation kapitalismuskritischer Weltsicht betrachtet werden: Der Markt als Kampfplatz, das Geld als Ordnungskriterium.<\/p>\n<p>In unserem postmaterialistischen Zeitalter l\u00e4sst es sich folgenderma\u00dfen rekonstruieren: Man kennt von nichts den Wert, aber von allem die Bewertung.<\/p>\n<h2>Bewertung: Harte W\u00e4hrung in virtuellen Welten<\/h2>\n<p>So haben \u201eLikes\u201c l\u00e4ngst die Funktion symbolischen Kapitals \u00fcbernommen, und es gilt zur Aufrechterhaltung der Marktordnung das Mandat der Kunden-, B\u00fcrger-, Patienten-, Fan- und Bot-Bewertung. Ein bis f\u00fcnf Sternchen diktieren das Geschehen. Marktteilnehmer schalten Agenturen ein, Agenturen lassen Bewertungen schreiben. Am Ende sind alle zufrieden: Der Auftraggeber, die Agentur, die Studenten.<\/p>\n<p>Allein der Verbraucher muss sich \u00fcber kurz oder lang etwas get\u00e4uscht sehen. Am Ende des Lernprozesses steht freilich die Relativierung der Bedeutsamkeit des Systems. Doch soweit sind wir noch lange nicht: Es gibt immer noch genug Menschen, die halten derartige Bewertungen f\u00fcr begr\u00fcndete Werturteile, denen sich anzuschlie\u00dfen Ausdruck von hoher Rationalit\u00e4t ist. Man sollte angesichts dessen vielleicht die letzten 1,5 Millionen Jahre Evolutionsgeschichte einfach noch mal wiederholen. W\u00e4re einen Versuch wert, ist aber kaum finanzierbar. Also, leben wir damit: Likes matter.<\/p>\n<h2>\u201eJameda\u201c ist gerichtsbekannt<\/h2>\n<p>Offenbar auch f\u00fcr h\u00f6chstpers\u00f6nliche Dienstleistungen wie die Kunst der \u00c4rztinnen und \u00c4rzte. Selbst in Fragen der eigenen Gesundheit vertrauen viele dem Urteil des Schwarmschwachsinns. Gefunden wird dies auf dem <a href=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/taetigkeitsfelder\/reputationsmanagement\/jameda-bewertung-loeschen\">Bewertungsportal \u201eJameda\u201c<\/a>. Das war schon \u00f6fter Gegenstand rechtlicher Auseinandersetzungen: Es ging um die <a href=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/magazin\/medienrecht-und-persoenlichkeitsrecht\/jameda-bewertung-loeschen-lassen\">L\u00f6schung einzelner Bewertungen<\/a>\u00a0und ganzer <a href=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/magazin\/medienrecht-und-persoenlichkeitsrecht\/bgh-entscheidet-erneut-ueber-jameda\">Profile<\/a>. Und darum, dass \u201eJameda\u201c beim <a href=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/magazin\/datenschutzrecht\/jameda-pranger\">Ringen um den guten Ruf weit unter die G\u00fcrtellinie greift<\/a>.<\/p>\n<h2>Meinungen sind Meinungen sind Meinungen<\/h2>\n<p>Besonders skurril wirken Bewertungen von Psychotherapeuten durch ihre Klienten, finden sich in den Diffamierungen doch oft exakt die Merkmale der zuvor ergangenen Diagnosen wieder. Das best\u00e4tigt dann eigentlich die Expertise der Therapeutin respektive des Therapeuten, allein: Es n\u00fctzt ihr oder ihm nichts. Die Bewertung richtet sich gegen sie, gegen ihn.<\/p>\n<p>Man sollte dabei beachten: Es handelt sich bei Bewertungen um <a href=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/taetigkeitsfelder\/medienrecht-persoenlichkeitsrecht\/werturteil-und-tatsachenbehauptung\">Meinungs\u00e4u\u00dferungen<\/a>. An die Zul\u00e4ssigkeit von Meinungs\u00e4u\u00dferungen werden hierzulande zu Recht nur sehr geringe Anforderungen gekn\u00fcpft: Sie d\u00fcrfen \u2013 im Blick auf Personen \u2013 deren Rechte nicht verletzen und \u2013 mit Blick auf den Staat \u2013 dessen Fortbestand nicht gef\u00e4hrden. Das ist alles. Das sollte man irgendwie schaffen. Eine andere Sache ist die Begr\u00fcndetheit von Meinungen. Hier sind andere Ma\u00dfst\u00e4be anzulegen. Prima facie ist aber (fast) alles als Meinung hinzunehmen, auch weit vom Konsens abweichende Wirklichkeitsauffassungen. Das gilt dann allerdings auch vice versa: Dem Anderen muss zugestanden werden, eine abweichende Auffassung zu vertreten.<\/p>\n<h2>\u201eJameda\u201c, oder: die Ungleichheit der Mittel<\/h2>\n<p>Das Problem bei \u201eJameda\u201c ist nun: Der Diskurs ist asymmetrisch, es gibt keinen ad\u00e4quaten Raum f\u00fcr eben solche Gegendarstellungen. Man darf \u00fcber \u00c4rztin oder Arzt erst mal alles behaupten, sie oder er muss das Urteil schlucken, denn eine Pr\u00fcfung des Sachverhalts im Rahmen des \u201eJameda\u201c-Qualit\u00e4tsmanagements erforderte argumentative Gegenrede. Eine solche jedoch verstie\u00dfe gegen die \u00e4rztliche Schweigepflicht. Unter diese f\u00e4llt bereits die Tatsache der Behandlung selbst, sodann die Entstehung des Behandlungsverh\u00e4ltnisses, Name und alle pers\u00f6nlichen Daten des Patienten, Anamnese, Diagnose, Prognose und Therapie. Alles Dinge, die in einer Diskussion \u00fcber die Bewertung zur Sprache kommen k\u00f6nnten oder m\u00fcssten. Freilich belastet die \u00e4rztliche Schweigepflicht auch den Gang auf dem ohnehin steinigen und steilen Rechtsweg, der dem Diffamierungsopfer im Extremfall noch bleibt. Hier sind die Erfolgschancen aufgrund der in den Prozess eingetragenen Ungleichheit der Mittel vage. \u00c4rzte und Therapeuten f\u00fchlen sich mithin erst an den Pranger gestellt, dann ohne fairen Prozess verurteilt.<\/p>\n<h2>\u201eJameda\u201c, oder: der Auseinandersetzung ausweichen<\/h2>\n<p>Besonders im Bereich der Psychotherapie konterkariert \u201eJameda\u201c zudem den Therapieansatz der direkten Konfrontation mit Anderen, der Auseinandersetzung mit sich selbst. Man kann alles bequem externalisieren und perpetuiert damit so manche seelische St\u00f6rung. Man k\u00f6nnte zugespitzt sagen: \u201eJameda\u201c ist wie gemacht f\u00fcr Psychopathen, die es unbedingt bleiben wollen. Der negative R\u00fcckkopplungseffekt ist doppelt tragisch: den Patienten f\u00fchrt es weiter in die Irre, den Arzt zwangsl\u00e4ufig zu Misserfolgen. Und irgendwann auch in den finanziellen Ruin.<\/p>\n<p><em>Der Beitrag stammt von unserem freien Autor Josef Bordat. Er ist Teil unserer Reihe \u201cBerichte aus der Parallelwelt\u201d. Dort werfen Autoren aus anderen Fachbereichen einen Blick auf die Rechtswissenschaft in Theorie und Praxis. Die Beitr\u00e4ge betrachten, anders als unsere sonstigen Fachbeitr\u00e4ge Begebenheiten und Rechtsf\u00e4lle daher auch nicht juristisch, sondern aus einem v\u00f6llig anderen Blickwinkel. Aus welchem, das soll der Beurteilung der Leser \u00fcberlassen bleiben. Interessant wird es, wie wir meinen, allemal.<\/em><\/p>\n<p class=\"hs-cta-wrapper\" id=\"hs-cta-wrapper-7561ff74-d8be-4038-b1a6-12a31073edfd\"><span class=\"hs-cta-node hs-cta-7561ff74-d8be-4038-b1a6-12a31073edfd\" id=\"hs-cta-7561ff74-d8be-4038-b1a6-12a31073edfd\"><a href=\"https:\/\/cta-redirect.hubspot.com\/cta\/redirect\/7036071\/7561ff74-d8be-4038-b1a6-12a31073edfd\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" class=\"hs-cta-img\" id=\"hs-cta-img-7561ff74-d8be-4038-b1a6-12a31073edfd\" style=\"border-width:0px;\" src=\"https:\/\/no-cache.hubspot.com\/cta\/default\/7036071\/7561ff74-d8be-4038-b1a6-12a31073edfd.png\"  alt=\"\"><\/a><\/span><\/p><script charset=\"utf-8\" defer src=\"https:\/\/js.hscta.net\/cta\/current.js\"><\/script><script type=\"text\/javascript\">window.addEventListener(\"load\", function () {hbspt.cta.load(7036071, \"7561ff74-d8be-4038-b1a6-12a31073edfd\", {});});<\/script>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute kennt man von allem den Preis, von nichts den Wert. 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