{"id":39967,"date":"2018-07-06T06:47:39","date_gmt":"2018-07-06T05:47:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lhr-law.de?p=39967"},"modified":"2018-07-06T00:48:15","modified_gmt":"2018-07-05T23:48:15","slug":"netzdg-klage-meinungsfreiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lhr-law.de\/en\/magazin\/social-media-recht\/netzdg-klage-meinungsfreiheit\/","title":{"rendered":"FDP-Politiker klagen gegen NetzDG"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_39974\" aria-describedby=\"caption-attachment-39974\" style=\"width: 424px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-39974\" src=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Fotolia_210521179_XS.jpg\" alt=\"\" width=\"424\" height=\"283\" srcset=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Fotolia_210521179_XS.jpg 424w, https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Fotolia_210521179_XS-90x60.jpg 90w\" sizes=\"(max-width: 424px) 100vw, 424px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-39974\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Elnur &#8211; fotolia.com<\/figcaption><\/figure>\n<p><em>Das sogenannte Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) ist seit dem 1.1.2018 in Kraft. Dieses dient vorrangig der Bek\u00e4mpfung von sogenanntem &#8220;Hate-Speech&#8221;-Content im Internet. Darunter fallen offenkundig strafbare Inhalte, wie volksverhetzende oder rassistische Aussagen. Das Gesetz verpflichtet die Betreiber von Plattformen, derartige Ver\u00f6ffentlichungen innerhalb einer bestimmten Frist und unter Androhung von teils hohen Geldstrafen zu l\u00f6schen. Nach Ansicht zweier FDP-Politiker schr\u00e4nkt das NetzDG so die grundrechtlich gesch\u00fctzte Meinungsfreiheit ein.\u00a0<\/em><\/p>\n<h2>Das NetzDG zum Schutz gegen strafbare Inhalte im Internet<\/h2>\n<p>Das unter dem damaligen Bundesjustizminister Heiko Maas entworfene Gesetz soll neben &#8220;Hate-Speech&#8221;-Content auch Fake-News im Internet entgegenwirken. Bei offenkundig strafbaren Inhalten werden die Betreiber von Plattformen im Netz verpflichtet, diese innerhalb von 24 Stunden zu l\u00f6schen. Bei Grenzf\u00e4llen kann diese Frist auf bis zu 7 Tagen verl\u00e4ngert werden. Wird dem nicht rechtzeitig nachgekommen, drohen m\u00f6glicherweise Geldstrafen bis zu mehreren Millionen Euro. Betroffen hiervon sind prim\u00e4r Seiten, auf denen eine \u00f6ffentliche Kommunikation zwischen einer Vielzahl von Nutzern stattfindet. Hierunter fallen soziale Netzwerke wie Facebook oder auch \u00f6ffentliche Foren und Portale. Der Schutzbereich des NetzDG erfasst dabei keine private Individualkommunikation zwischen Einzelpersonen. Zur Anwendbarkeit des Gesetzes auf Messenger-Dienste wie WhatsApp und \u00e4hnlichen berichteten wir bereits:<\/p>\n<ul>\n<li style=\"list-style-type: none;\">\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/magazin\/datenschutzrecht\/netzdg-facebook-messenger\">NetzDG sch\u00fctzt nicht vor privaten &#8220;Hate-Speech&#8221;-Nachrichten bei Messenger-Diensten<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ul>\n<h2>NetzDG erntet harsche Kritik<\/h2>\n<p>Das NetzDG hat bereits kurz nach Inkrafttreten teilweise herbe Kritik geerntet. So wird seitens der FDP-Politiker Jimmy Schulz und Manuel H\u00f6ferlin angenommen, dass die starren Fristen und teils sehr hohen Geldbu\u00dfen zu \u00fcberhasteten L\u00f6schungen f\u00fchren. Plattformbetreiber w\u00fcrden grenzwertige Inhalte lieber entfernen, als das Risiko einer Strafzahlung einzugehen. Das k\u00f6nne dazu f\u00fchren, dass an sich von der Meinungsfreiheit gedeckte Beitr\u00e4ge gesperrt werden. Dieses sogenannte &#8220;Overblocking&#8221; f\u00fchre so zu einer harten Zensur, und damit zu einer Einschr\u00e4nkung der Meinungsfreiheit.<\/p>\n<p>Auch andere Kritiker sehen in dem Gesetz eine Einschr\u00e4nkung des Grundrechts aus Artikel 5. F\u00fcr eine fundierte W\u00fcrdigung von Inhalten m\u00fcsse eine interessengerechte Abw\u00e4gung zwischen Meinungsfreiheit und <a href=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/rechtsgebiete\/medienrecht-persoenlichkeitsrecht\">Pers\u00f6nlichkeitsrecht<\/a> vorgenommen werden. Insbesondere bei der Abgrenzung zwischen zul\u00e4ssiger Satire und blo\u00dfer Schm\u00e4hkritik sei dies der Fall. Angesichts der kurzen Fristen und harten Strafzahlungen werde dies erheblich erschwert.<\/p>\n<p>Die Organisation &#8220;Reporter ohne Grenzen&#8221; sieht in dem Gesetz eine weitere Gefahr. Die grunds\u00e4tzlich hoheitliche Aufgabe der Bewertung und L\u00f6schung strafbarer Inhalte werde durch das NetzDG auf die privaten Plattformbetreiber abgew\u00e4lzt.<\/p>\n<h2>Bundesregierung verteidigt Netzwerkdurchsetzungsgesetz<\/h2>\n<p>Das Bundesjustizministerium sieht in dem Gesetz keine \u00dcbertragung der hoheitlichen Aufgabe zur \u00dcberwachung und Entfernung auf die Anbieter. Der Ma\u00dfstab, was gel\u00f6scht werden muss und was nicht, werde nicht von den sozialen Plattformen gesetzt. Diesen legten vielmehr die entsprechenden Straftatbest\u00e4nde fest. Das NetzDG schaffe insofern keine neuen L\u00f6schpflichten, sondern stelle die Einhaltung der bereits bestehenden Regulierungen sicher. Die strafrechtliche Verfolgung obliege dabei weiterhin den zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden.<\/p>\n<h2>Schulz und H\u00f6ferlin erheben Klage vor dem Frankfurter Verwaltungsgericht<\/h2>\n<p>Die FDP-Politiker Schulz und H\u00f6ferlin haben nun vor dem VG Frankfurt Klage gegen das Gesetz erhoben. Diese zielt auf die Feststellung ab, dass die Bundesrepublik Deutschland gegen\u00fcber Unternehmen unter Androhung von Strafgeldern keine L\u00f6schungen verlangen darf. Hauptargument der Kl\u00e4ger ist dabei die vermeintliche Einschr\u00e4nkung der Meinungsfreiheit durch das auf den festgesetzten Fristen und drakonischen Geldstrafen beruhende &#8220;Overblocking&#8221;.<\/p>\n<p>Ob die Klage der Politiker tats\u00e4chlich Erfolg haben wird ist aktuell noch offen. Dagegen spricht, dass das NetzDG faktisch keine neuartigen Pflichten zur L\u00f6schung von Inhalten schafft. Strafbare Beitr\u00e4ge und Aussagen mussten von den Betreibern auch vor Inkrafttreten entfernt werden, die Strafverfolgung ist nach wie vor Aufgabe des Staates. \u00a7 1 Abs. 3 des NetzDG verweist auf Vorschriften des StGb, die bereits vor dem 1.1.2018 existierten:<\/p>\n<div class=\"jnheader\">\n<blockquote>\n<h3><span class=\"jnenbez\">\u00a7 1<\/span>\u00a0<span class=\"jnentitel\">Anwendungsbereich<\/span><\/h3>\n<\/blockquote>\n<\/div>\n<div>\n<div class=\"jnhtml\">\n<div>\n<blockquote>\n<div class=\"jurAbsatz\">(1) (\u2026)<\/div>\n<div class=\"jurAbsatz\">(2) (\u2026)<\/div>\n<div class=\"jurAbsatz\">(3) Rechtswidrige Inhalte sind Inhalte im Sinne des Absatzes 1, die den Tatbestand der <a href=\"https:\/\/dejure.org\/gesetze\/StGB\/86.html\" title=\"&sect; 86 StGB: Verbreiten von Propagandamitteln verfassungswidriger und terroristischer Organisationen\">\u00a7\u00a7 86<\/a>, <a href=\"https:\/\/dejure.org\/gesetze\/StGB\/86a.html\" title=\"&sect; 86a StGB: Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger und terroristischer Organisationen\">86a<\/a>, <a href=\"https:\/\/dejure.org\/gesetze\/StGB\/89a.html\" title=\"&sect; 89a StGB: Vorbereitung einer terroristischen Straftat; Versuch der Anstiftung und Androhung\">89a<\/a>, <a href=\"https:\/\/dejure.org\/gesetze\/StGB\/91.html\" title=\"&sect; 91 StGB: Anleitung zur Begehung einer terroristischen Straftat\">91<\/a>, <a href=\"https:\/\/dejure.org\/gesetze\/StGB\/100a.html\" title=\"&sect; 100a StGB: Landesverr&auml;terische F&auml;lschung\">100a<\/a>, <a href=\"https:\/\/dejure.org\/gesetze\/StGB\/111.html\" title=\"&sect; 111 StGB: &Ouml;ffentliche Aufforderung zu Straftaten\">111<\/a>, <a href=\"https:\/\/dejure.org\/gesetze\/StGB\/126.html\" title=\"&sect; 126 StGB: St&ouml;rung des &ouml;ffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten\">126<\/a>, <a href=\"https:\/\/dejure.org\/gesetze\/StGB\/129.html\" title=\"&sect; 129 StGB: Bildung krimineller Vereinigungen\">129<\/a> bis <a href=\"https:\/\/dejure.org\/gesetze\/StGB\/129b.html\" title=\"&sect; 129b StGB: Kriminelle und terroristische Vereinigungen im Ausland; Einziehung\">129b<\/a>, <a href=\"https:\/\/dejure.org\/gesetze\/StGB\/130.html\" title=\"&sect; 130 StGB: Volksverhetzung\">130<\/a>, <a href=\"https:\/\/dejure.org\/gesetze\/StGB\/131.html\" title=\"&sect; 131 StGB: Gewaltdarstellung\">131<\/a>, <a href=\"https:\/\/dejure.org\/gesetze\/StGB\/140.html\" title=\"&sect; 140 StGB: Belohnung und Billigung von Straftaten\">140<\/a>, <a href=\"https:\/\/dejure.org\/gesetze\/StGB\/166.html\" title=\"&sect; 166 StGB: Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen\">166<\/a>, <a href=\"https:\/\/dejure.org\/gesetze\/StGB\/184b.html\" title=\"&sect; 184b StGB: Verbreitung, Erwerb und Besitz kinderpornographischer Inhalte\">184b<\/a> in Verbindung mit 184d, <a href=\"https:\/\/dejure.org\/gesetze\/StGB\/185.html\" title=\"&sect; 185 StGB: Beleidigung\">185<\/a> bis <a href=\"https:\/\/dejure.org\/gesetze\/StGB\/187.html\" title=\"&sect; 187 StGB: Verleumdung\">187<\/a>, <a href=\"https:\/\/dejure.org\/gesetze\/StGB\/201a.html\" title=\"&sect; 201a StGB: Verletzung des h&ouml;chstpers&ouml;nlichen Lebensbereichs und von Pers&ouml;nlichkeitsrechten durch Bildaufnahmen\">201a<\/a>, <a href=\"https:\/\/dejure.org\/gesetze\/StGB\/241.html\" title=\"&sect; 241 StGB: Bedrohung\">241<\/a> oder <a href=\"https:\/\/dejure.org\/gesetze\/StGB\/269.html\" title=\"&sect; 269 StGB: F&auml;lschung beweiserheblicher Daten\">269<\/a> des Strafgesetzbuchs erf\u00fcllen und nicht gerechtfertigt sind.<\/div>\n<div><\/div>\n<\/blockquote>\n<div><span style=\"orphans: 2; background-color: transparent;\">Insofern ist der Argumentation der Bundesregierung zuzustimmen. Das NetzDG dient der verbesserten Durchsetzung von ohnehin strafbaren Handlungen.<\/span><\/div>\n<h2><span style=\"orphans: 2; background-color: transparent;\">Au\u00dfer Spesen nichts gewesen<\/span><\/h2>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p><span style=\"display: inline !important; float: none; background-color: transparent; color: #333333; cursor: text; font-family: Georgia,'Times New Roman','Bitstream Charter',Times,serif; font-size: 16px; font-style: normal; font-variant: normal; font-weight: 400; letter-spacing: normal; orphans: 2; text-align: left; text-decoration: none; text-indent: 0px; text-transform: none; -webkit-text-stroke-width: 0px; white-space: normal; word-spacing: 0px;\">Auch hinsichtlich der Fristen hat sich nichts grundlegendes ver\u00e4ndert. Vor Verabschiedung des NetzDG existierten zwar keine gesetzlich festgelegten Zeitr\u00e4ume, in denen Anbieter strafbare Ver\u00f6ffentlichungen aus dem Netz nehmen mussten. Demnach wurde je nach Einzelfall bewertet, ob ein Betreiber die zu l\u00f6schen Inhalte rechtzeitig entfernt hatte. Abh\u00e4ngig von Gr\u00f6\u00dfe der Plattform und Offenkundigkeit der Rechtsverletzung konnten die zul\u00e4ssigen Zeitr\u00e4ume von einigen Stunden bis zu wenigen Tagen reichen.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"display: inline !important; float: none; background-color: transparent; color: #333333; cursor: text; font-family: Georgia,'Times New Roman','Bitstream Charter',Times,serif; font-size: 16px; font-style: normal; font-variant: normal; font-weight: 400; letter-spacing: normal; orphans: 2; text-align: left; text-decoration: none; text-indent: 0px; text-transform: none; -webkit-text-stroke-width: 0px; white-space: normal; word-spacing: 0px;\">Die gr\u00f6\u00dfte \u00c4nderung zur vormaligen Rechtslage sind die teils sehr hoch angesetzten Geldbu\u00dfen. Angesichts dieser ist es durchaus denkbar, dass es vereinzelt zum &#8220;Overblocking&#8221; kommen k\u00f6nnte. Betreiber d\u00fcrften in einigen F\u00e4llen anstelle von fundierten Abw\u00e4gungen eher auf &#8220;Nummer sicher gehen&#8221;, um Bu\u00dfgelder zu vermeiden. Insofern k\u00f6nnte die Rechtsprechung zu dem Ergebnis kommen, dass das neue Gesetz die Meinungsfreiheit einschr\u00e4nkt. In jedem Falle halten sich die betroffenen Plattformen wie Facebook und \u00e4hnliche aktuell strikt an das NetzDG. Wir berichteten:<\/span><\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-admin\/post.php?post=39795&amp;action=edit&amp;lang=de\">NetzDG: Facebook und Co. halten sich daran<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>Nach Ansicht der Gr\u00fcnen-Politikerin Renate K\u00fcnast ist eine Klage im konkreten Falle ohnehin der falsche Weg.\u00a0&#8220;Das NetzDG ist zum Ende der vergangenen Legislaturperiode durch den Bundestag gepeitscht worden. Es geht jetzt darum, in einem geordneten Verfahren die Scherben aufzukehren und nicht um mediale Aufmerksamkeit. So bl\u00e4st die FDP gemeinsam mit der AfD in ein populistisches Horn&#8221;.<\/p>\n<p>Bis zu einem finalen Urteil in Frankfurt d\u00fcrfte noch einige Zeit vergehen. Man darf also gespannt bleiben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das sogenannte Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) ist seit dem 1.1.2018 in Kraft. Dieses dient vorrangig der Bek\u00e4mpfung von sogenanntem &#8220;Hate-Speech&#8221;-Content im Internet. Darunter fallen offenkundig strafbare Inhalte, wie volksverhetzende oder rassistische Aussagen. Das Gesetz verpflichtet die Betreiber von Plattformen, derartige Ver\u00f6ffentlichungen innerhalb einer bestimmten Frist und unter Androhung von teils hohen Geldstrafen zu l\u00f6schen. 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