{"id":37489,"date":"2018-02-05T17:58:21","date_gmt":"2018-02-05T16:58:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lhr-law.de?p=37489"},"modified":"2019-02-14T17:41:55","modified_gmt":"2019-02-14T16:41:55","slug":"fahndung-der-bild-nach-g20-krawallmachern-war-rechtswidrig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lhr-law.de\/en\/magazin\/medienrecht-und-persoenlichkeitsrecht\/fahndung-der-bild-nach-g20-krawallmachern-war-rechtswidrig\/","title":{"rendered":"LG Frankfurt: Jagd der BILD nach G20-Krawallmachern war rechtswidrig"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_37496\" aria-describedby=\"caption-attachment-37496\" style=\"width: 373px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/news-ticker\/bild-ruft-ungefragt-zur-jagd-nach-g20-krawallmachern-auf\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-37496 size-full\" src=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/BILD-Fahndungsaufruf.jpg\" alt=\"Fahndung der BILD nach G20-Krawallmachern war rechtswidrig \" width=\"373\" height=\"322\" srcset=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/BILD-Fahndungsaufruf.jpg 373w, https:\/\/www.lhr-law.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/BILD-Fahndungsaufruf-90x78.jpg 90w\" sizes=\"(max-width: 373px) 100vw, 373px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-37496\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 D.J.McGee &#8211; fotolia.com<\/figcaption><\/figure>\n<p>Anfang Juli fand bekanntlich in Hamburg der sogenannte G20-Gipfel statt. Es kam anl\u00e4sslich dieser Veranstaltung nicht nur zu Demonstrationen, sondern auch zu erheblichen Krawallen, in deren Rahmen eine Vielzahl an Straftaten begangen wurde.<\/p>\n<h2>Die Jagd der BILD war unzul\u00e4ssig<\/h2>\n<p>Die BILD ver\u00f6ffentlichte daraufhin in ihrer Print-Ausgabe vom 10. Juli 2017 Fotos mit mutma\u00dflichen Brandstiftern und Steinewerfern und fragte nach &#8220;sachdienlichen Hinweisen&#8221;.<\/p>\n<p>Dass diese Art der Selbstjustiz im allgemeinen und der Fahndungsaufruf im speziellen rechtlich \u00e4u\u00dferst fragw\u00fcrdig \u00a0ist, haben wir in dem folgenden Artikel bereits erl\u00e4utert<\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/news-ticker\/bild-ruft-ungefragt-zur-jagd-nach-g20-krawallmachern-auf\">BILD ruft ungefragt zur Jagd nach G20-Krawallmachern auf<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>Offenbar stehen wir mit unserer Ansicht, dass die damalige Ver\u00f6ffentlichung der Bild-Zeitung \u2013 wie so h\u00e4ufig \u2013 rechtswidrig war, nicht alleine da.<\/p>\n<h2>&#8220;Wochenend-Einklau im gepl\u00fcnderten Drogeriemarkt&#8221;<\/h2>\n<p>So hat das Landgericht Frankfurt mit einem Urteil aus dem Dezember 2017 eine einstweilige Verf\u00fcgung aus dem Juni 2017 best\u00e4tigt, wonach der BILD-Zeitung die Ver\u00f6ffentlichung zweier Abbildungen verboten wird (Urteil v. 14.12.2017, Az. <a href=\"https:\/\/dejure.org\/dienste\/vernetzung\/rechtsprechung?Text=2-03%20O%20270\/17\" title=\"2-03 O 270\/17 (2 zugeordnete Entscheidungen)\">2-03 O 270\/17<\/a>) .<\/p>\n<p>Auf diesen wurde die Antragstellerin vor einer gepl\u00fcnderten Filiale eines Drogeriemarktes gezeigt. Daneben fand sich die \u00a0launige Unterzeile :<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Der Wochenend-Einklau? Wasser, S\u00fc\u00dfigkeiten und Kaugummis erbeutet die Frau im pinkfarbenen T-Shirt im gepl\u00fcnderten Drogeriemarkt &#8230;&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Artikel wurde binnen weniger Tage \u00fcber 70.000 mal \u00fcber Facebook geteilt.<\/p>\n<p>Das Landgericht Frankfurt befand, dass\u00a0Berichterstattung der BILD greift unzul\u00e4ssig in das allgemeine Pers\u00f6nlichkeitsrecht der Antragstellerin eingreife.<\/p>\n<h2>Unerheblich, ob die Presse grunds\u00e4tzlich zu Fahndungsaufrufen berechtigt ist<\/h2>\n<p>Interessant ist, dass das Landgericht betont, dass es dabei im Ergebnis noch nicht einmal darauf ankommt, ob die Presse generell und speziell die BILD-Zeitung berechtigt ist, &#8220;Fahndungsaufrufe&#8221; abzudrucken und welche Rolle insofern die &#8211; f\u00fcr Beh\u00f6rden &#8211; teils hohen Anforderungen der \u00a0Voraussetzungen f\u00fcr den Erlass eines Haftbefehls \u00a0und einen Fahndungsaufruf f\u00fcr Beh\u00f6rden spielen. Den die angegriffene Berichterstattung mitsamt bildlicher Darstellung verletze die Kl\u00e4gerin n\u00e4mlich v\u00f6llig unabh\u00e4ngig davon unzul\u00e4ssig in ihrem <a href=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/rechtsgebiete\/persoe\u2026\">Pers\u00f6nlichkeitsrecht<\/a>.<\/p>\n<p>Die BILD-Zeitung habe die insbesondere aufgrund der damit zusammenh\u00e4ngenden Prangerwirkung besonderen Voraussetzungen zur Zul\u00e4ssigkeit einer identifizierenden Berichterstattung missachtet.<\/p>\n<h2>Unerheblich, ob die Antragstellerin unter Diebstahlsverdacht stand<\/h2>\n<p>F\u00fcr diese Beurteilung komme es ebenfalls nicht darauf an, dass offenbar Fotomaterial existierte, auf der die Kl\u00e4gerin zu sehen war, wie sie auf dem im gepl\u00fcnderten Supermarkt auf dem Boden liegende Gegenst\u00e4nde aufhob und damit aus dem Bild ging und somit zumindest der <a href=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/magazin\/medienrecht-und-persoenlichkeitsrecht\/verdachtsberichterstattung\">Verdacht<\/a> nahe lag, dass sie dort irgendetwas entwendet hatte. Selbst wenn man diese Vorg\u00e4nge zugunsten der Beklagten als zutreffend unterstellte, so das Gericht, w\u00fcrde es sich dabei lediglich um leichte Straftaten handeln, bei denen eine identifizierende Berichterstattung grunds\u00e4tzlich nicht in Betracht kommt.<\/p>\n<p>Die Auffassung der Bild-Zeitung, dass die Antragstellerin auch im Verdacht stehe, einen einen (besonders schweren)\u00a0Landfriedensbruch begangen zu haben, teilte das Landgericht Frankfurt nicht.<\/p>\n<h2>Fahndungsaufruf f\u00fcr Verbrechensbek\u00e4mpfung v\u00f6llig ungeeignet<\/h2>\n<p>Schlie\u00dflich betont das Landgericht Frankfurt \u2013 was langj\u00e4hrige Kenner der manchmal perfiden, meistens zweifelhaften aber eigentlich immer geschmacklosen Berichterstattung der Bild-Zeitung nicht \u00fcberraschen wird \u2013, dass die eigenm\u00e4chtige Verbrecherjagd, vereinfacht gesagt, f\u00fcr die angebliche Verbrechensbek\u00e4mpfung bzw. -pr\u00e4vention \u00fcberhaupt nicht geeignet war.<\/p>\n<p>Abgesehen davon, dass die behandelte Straftat, wie oben erw\u00e4hnt, schon nicht erheblich war, handelte es bei der Antragstellerin auch nicht etwa um eine &#8220;Serient\u00e4terin&#8221;, was eine Berichterstattung eventuell gerechtfertigt h\u00e4tte k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Bild-Zeitung habe auch nicht abgewartet, ob ob konventionelle Methoden der T\u00e4terermittlung Erfolg zeigen oder nicht, sondern habe den Fahndungsaufruf bereits wenige Tage nach den Vorf\u00e4llen ver\u00f6ffentlicht. Zudem habe sie auch nicht etwa bei den Ermittlungsbeh\u00f6rden \u00a0um Informationen gebeten, sondern vielmehr \u00a0ihre eigenen Leser zur vermeintlichen Aufkl\u00e4rung der angeblichen Taten aufgefordert und sei damit im Ergebnis einem &#8220;eigenen Fahndungsaufruf&#8221; an die \u00d6ffentlichkeit gegangen.<\/p>\n<h2>Update:<\/h2>\n<p>Die BILD-Zeitung publizierte am 12.01.2019 den Artikel:\u00a0\u201eBILD zeigt die Fotos trotzdem \u2013 Gericht verbietet Bilder von G 20-Pl\u00fcnderin\u201c und versuchte so, das vom LG Frankfurt a.M. erlassene Urteil zum umgehen &#8211; jedoch ohne Erfolg. Denn nachdem das LG Frankfurt a.M. ein Ordnungsgeld in H\u00f6he von 50.000 \u20ac gegen die BILD-Zeitung festsetzte und die BILD-Zeitung gegen dieses Ordnungsgeld vorging, wurde das Ordnungsgeld seitens des OLG Frankfurt a.M. best\u00e4tigt:<\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.lhr-law.de\/magazin\/medienrecht-und-persoenlichkeitsrecht\/verstoss-gegen-verbot-der-bildberichterstattung-auch-bei-vollstaendigem-foto\">OLG Frankfurt best\u00e4tigt 50.000 \u20ac Ordnungsgeld gegen die BILD-Zeitung<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anfang Juli fand bekanntlich in Hamburg der sogenannte G20-Gipfel statt. Es kam anl\u00e4sslich dieser Veranstaltung nicht nur zu Demonstrationen, sondern auch zu erheblichen Krawallen, in deren Rahmen eine Vielzahl an Straftaten begangen wurde. Die Jagd der BILD war unzul\u00e4ssig Die BILD ver\u00f6ffentlichte daraufhin in ihrer Print-Ausgabe vom 10. 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