Katja Günther – Hat die Hexenjagd jetzt ein Ende?

Von Arno Lampmann, 11. März 2010

Laut golem.de ermittelt die Staatsanwaltschaft nicht weiter gegen die Anwältin Katja Günther, die das Inkassogeschäft für einige umstrittene Onlinefirmen betreibt oder jedenfalls in der Vergangenheit betrieb. Das Verfahren ist eingestellt. Über 1.000 Menschen hatten Strafanzeige gegen die Anwältin wegen Gebührenüberhebung, Betrugs, Nötigung oder Erpressung erstattet. Angeblich wurden auch bei der Anwaltskammer tausende Beschwerden eingereicht.

Aber nicht nur das. Der Mob nahm die angebliche Verletzung des Strafrechts natürlich auch – wie so oft – zum Anlass, die sprichwörtliche Sau mit rechtlich zweifelhaften Mitteln durch das virtuelle Dorf zu treiben. Eine Google-Suche nach “Katja Günther” lässt den Suchenden zum Beispiel wissen, dass es sich bei Frau Günther um ein “Abzockluder” handelt. Eine nähere Recherche lässt zudem ziemlich schnell sogar auf die angebliche Privatadresse stoßen, die von Usern in diversen Foren schadenfroh – selbstverständlich unter Pseudonymen – verbreitet wird.

Selbst nach der Beurteilung des Verhaltens von Frau Günter von der dafür vom Rechtsstaat vorgesehen Stelle als nicht strafbar, ist das kollektive (anonyme) Gewissen aber nicht zufrieden. Den Kommentaren bei golem.de oder im für Systemkritik zuständigen lawblog (dessen Betreiber nach eigenem Bekunden tatsächlich selbst ebenfalls eine Strafanzeige erstattet hat) ist zu entnehmen, dass das “Volk” weiter tobt. Dies unter anderem auch deshalb, weil die Staatsanwaltschaft in ihrer Einstellungsverfügung offenbar geäußert hatte, dass Bürger einem “gewissen Druck” standhalten müssten. Beim Anprangerer ohne Namen hört der Spaß offenbar dann auf, wenn das System, das ihm erlaubt, sich über andere unerkannt öffentlich auszulassen, dem Betroffenen also abverlangt, ein solches Verhalten auszuhalten, von ihm ebenfalls eine gewisse Standfestigkeit erwartet.

Das Schöne ist, dass die Zeitgenossen, die unter Decknamen im Internet herumschreien, sich dadurch selbst disqualifizieren, dass sie ausgerechnet die Umstände kritisieren, die ihnen ihr eigenes Verhalten überhaupt erst ermöglichen. Wie zum Beispiel die Tatsache, dass es in Deutschland nicht strafbar ist, wenn man anonym streitbare Meinungen im Internet verbreitet. Oder massenhaft rechtlich ungewisse Forderungen geltend macht. Oder die angeblichen Forderungsinhaber rechtlich vertritt. Diese Handlungen sind deswegen erlaubt, weil man davon ausgeht, dass Menschen – jetzt kommt´s – im sozialen Miteinander  in einem liberalen Rechtsstaat auch mal etwas aushalten können müssen und nicht gleich zu Mama und Papa rennen sollen, wenn ihnen einmal etwas nicht passt. Das ist ein Teil von der Freiheit, die auch die Kritiker von Frau Günther für sich beanspruchen.

Die scharfe Diskussion als solche wiederum zeigt, dass der Rechtsstaat (Demokratie, Meinungsfreiheit, etc.) entgegen dem Geschrei gerade ausweislich desselben funktioniert und die, die ihn am lautesten kritisieren, es noch nicht einmal merken. (la)

Diesen Artikel teilen:

Diskussion zu diesem Artikel:

10 Kommentare

  1. Jemand

    Ob das Verhalten der Frau Günther strafbar ist, sei dahingestellt – die StA verfolgt komplexere Taten nun mal nicht gerne. Ein Kaufhausdiebstahl gibt schließlich auch einen Fleißstempel für erledigte Fälle und ist in wenigen Minuten bearbeitet. 26 Seiten Einstellungsverfügung sind schneller geschrieben als zehntausende von Zeugenvernehmungen durchgestanden.

    Dem Berufsstand der Anwaltschaft tun Gestalten die Frau Günther oder der kürzlich verstorbene Herr Gravenreuth langfristigen Schaden an. Schon aus Selbstschutz sollte die Anwaltschaft hier regulierend eingreifen, die Kammer Rügen aussprechen, die Geschäfte der Betreffenden prüfen etc.
    Bei Herrn Gravenreuth hätte man da einiges entdeckt, wahrscheinlich schon lange vor seinen strafrechtlichen Verurteilungen. Wird es bei Frau Günther besser aussehen? Hat jemand noch den Überblick über zehntausende Forderungsschreiben?
    Solche Personen ungehindert weiter arbeiten zu lassen und die Reaktion “dem Mob” zu überlassen, wie Sie ihn so freundlich beschreiben, hilft dem Rechtstaat kein bisschen. Wenn Volkes Seele nach Blut schreit, sollte ihr jemand etwas anderes zu trinken geben, bevor sie es sich selbst holt.

  2. Wolf J. Reuter, LL.M.

    Sehr geehrte Kollegen,

    ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass sich jemand noch mal im Sinne des Rechtsstaates zu dieser Sache äußert. Sie liegen völlig richtig. Das Recht schützt gerade solche Personen, so unangenehm sie Manchem auch erscheinen mögen. Hetz- und Hexenjagden unter Verletzung der Privatsphäre: Jeder Hetzer und Jäger, der sich eines Tages mal in einer Problemsituation eine Rechtsanwalt/eine Rechtsanwältin nehmen muss, mag sich heute mal überlegen, wie entrechtet er sich wohl fühlt, wenn sein Rechtsvertreter seine Arbeit nicht mehr machen kann, weil er im Internet so in die Knie gezwungen werden soll. Rechtsanwälte sollten sich an so etwas im Eigeninteresse nicht beteiligen. Ein Blick ins Internet zeigt bedauerlicherweise, dass das eine Mindermeinung ist.

  3. Andi

    Das Problem an der ganzen Sache ist hat, dass hier eine rechtskundige Person eine große Drohkulisse (Gerichtsverfahren, Eintragung in div. Listen, Kosten,..) aufgebaut hat.
    Die rechtunkundigen Adressaten bezahlen dann die Forderungen, obwohl diese oft gar nicht berechtigt sind.
    Wenn die StA meint, dass die Adressaten das aushalten müssen und deshalb das Verfahren einstellt, ist das ein Skandal.
    Wäre es so einfach auszuhalten, dann hätten nicht so viele gezahlt.

  4. Alex

    guter Artikel.

  5. Axel John

    Ich stehe mit meiner ladungsfähigen Anschrift zu meiner Meinung:
    http://www.zu-recht-gewiesen.de/?p=85

  6. dr.no

    hauptsache ist doch das sie keinen persil schein bekommen hat. man beachte das schlußwort der verfügung

    Das Verhalten der Beschuldigten mag zwar gegebenenfalls berufs- und/oder wettbewerbsrechtlich beanstandenswert sein, erfüllt aber keinen Straftatbestand.

    Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass zivilrechtliche Ansprüche von dieser Verfügung unberührt bleiben. Hiermit ist keinerlei Präjudiz für die zivilrechtliche Frage des Bestehens einer Zahlungsverpflichtung verbunden. Dies zu klären wäre ausschließlich Sache der Zivilgerichte, wohingegen die Staatsanwaltschaft lediglich beurteilt, ob ein strafbares Verhalten gegeben ist oder nicht. Folglich darf diese Verfügung keinesfalls dahingehend missverstanden werden, die Staatsanwaltschaft sei der Auffassung, es bestehe eine Zahlungsverpflichtung. Diese Frage ist mit der Entscheidung der Staatsanwaltschaft, das Ermittlungsverfahren einzustellen, keineswegs geklärt. Zum besseren Verständnis und um etwaigen Missverständnissen bereits im Vorfeld zu begegnen, erscheint es wichtig, mit Nachdruck zu betonen, dass seitens der Staatsanwaltschaft mit der vorliegenden Entscheidung keinerlei Empfehlung ausgesprochen wird, den geltend gemachten Forderungen nachzukommen. Insbesondere wird mit dieser Verfügung in keiner Weise die Frage beantwortet, ob die Hauptforderung, die Online-Dienstgebühr, von deren Bestand akzessorisch auch eine Verpflichtung zur Zahlung der Anwaltsgebühren abhinge, berechtigt ist. Für die strafrechtliche Bewertung des Sachverhalts bedurfte dieser Punkt keiner Klärung. Hierüber haben im Streitfall allein die Zivilgerichte zu befinden. Eine irgendwie geartete Vorgabe, wie die (nicht unproblematisch erscheinende) Rechtslage zivilrechtlich zu sehen ist, ist mit diese Verfügung in keiner Weise verbunden.

  7. ebo

    Ist es Zufall, dass Sie gerade bei Frau Günther von Hexenjagt sprechen?

  8. dr.no

    tja, so astrein sieht das aber ein gericht wohl doch nicht was katja da treibt. lest mal bei fastix nach welch deutliche worte das müncher gericht fand diesen monat.

  9. Max Volk

    Ich vertrete die gleiche Auffassung wie der Autor.

    Es kann nicht angehen dass, eine Vielzahl von minderjährigen Internetusern sowie eloquanten Erwachsenen die stur und blind alles anklicken und mit Ihren Privatdaten versehen als wäre es eine Selbstverständlichkeit, anonym im Internet über Anwälte oder Geschäftsführer hetzen.

    Würde man die Anonymität in den Foren aufheben sehe die Sache anders aus; Sollte dies tatsächlich mal in Kraft treten, würde genau diese anonymen Hexenjäger sofort verstummen bzw. dann wieder aufhetzen, nur mit dem Argument der Meinungsfreiheit.

    Armes Deutschland.

  10. primavera78

    Vielen Dank für diesen ehrlichen, offenen und längst überfälligen Artikel.

 

Hinterlassen Sie einen Kommentar: